Nach dem Kursrutsch sehen Analysten Chancen bei Bergbau- und Bankaktien
Korruptionsskandal setzt brasilianischer Börse zu

Die brasilianische Börse ist in schweres Fahrwasser geraten: Seit einigen Wochen schlägt der Leitindex Bovespa tageweise um bis zu fünf Prozent aus – bei insgesamt fallender Tendenz. Inzwischen ist São Paulo der einzige wichtige Aktienmarkt in Lateinamerika, dessen Index sich in diesem Jahr negativ entwickelt hat.

SÃO PAULO. Die Investoren reagieren verunsichert auf die politische Krise der Regierung um Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Es heißt, die regierende Arbeiterpartei PT habe oppositionelle Abgeordnete dafür bezahlt, dass sie für die Regierung stimmen. Daneben wurden weitere Korruptionsvorwürfe laut. Zwar gibt es bisher keinerlei Beweise, doch die Regierung reagiert ungeschickt auf die von der Opposition und einem Teil der Medien geschickt lancierten Beschuldigungen. Darunter leidet Lulas Image. Inzwischen halten ihn nur noch 40 Prozent der Brasilianer für einen guten Präsidenten. Die Opposition hofft darauf, dass Lulas Popularität so weit sinkt, dass seine Wiederwahl in eineinhalb Jahren in Gefahr gerät. Deshalb werden die politischen Gegner Lulas nicht locker lassen. „Die Nervosität an den Finanzmärkten wird weiter steigen“, sagt Ricardo Amorim, Ökonom der WestLB in New York.

Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass die Politik weiterhin den Kursverlauf an der Börse bestimmt. Belastend für die Kursentwicklung wirkt auch, dass sich die Konjunktur in Brasilien abkühlt. Im Vergleich zum Schlussquartal 2004 ist die Wirtschaft in den ersten drei Monaten des Jahres nur 0,3 Prozent gewachsen. Und im Mai ist die Industrieproduktion weiter geschrumpft.

Dennoch sind die Aussichten für brasilianische Aktien nicht generell schlecht: „Die Kurse werden nicht viel weiter sinken, weil die Rahmenbedingungen Brasiliens insgesamt stabil sind“, sagt Walter Mendes von Banco Itaú. Das gilt vor allem für die Geld- und Fiskalpolitik der Regierung: Beruhigend für Investoren wirken der hohe Primärüberschuss im Haushalt (ohne Berücksichtigung von Zinszahlungen) und die sinkende Inflation. Die Investmentbanken rechnen damit, dass eine weitere Erhöhung des Leitzinses von derzeit 19,75 Prozent nun nicht mehr nötig sein wird. Neue Hemmnisse für die Nachfrage nach Konsumgütern dürften damit nicht entstehen.

Ohnehin gehört der Konsumgütersektor zu den Branchen, die nicht stagnieren. Gestiegene Löhne, neu geschaffene Arbeitsplätzen sowie der weiterhin steigenden Kreditnachfrage beleben den Konsum. „Brasilien profitiert auch von der anhaltend hohen Liquidität weltweit und den niedrigen Zinsen“, sagt Amorim von der WestLB.

Für Spekulanten ist die brasilianische Börse nach den Kursverlusten jedenfalls wieder einen Blick wert: „Nervenstarke Anleger finden jetzt interessante Möglichkeiten“, sagt Mário Quaresma von BancBoston Asset. „Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist seit Mai um 50 Prozent gesunken.“ Insgesamt sollten Anleger jetzt die starken Exportkonzerne Brasiliens vorziehen, wie etwa den Bergbaukonzern Comp. Vale do Rio Doce oder Aracruz Cellulose. Die meisten Analysten empfehlen derzeit auch Banken, sowie ausgewählte Konsumunternehmen. Die Finanzhäuser Bradesco und Itaú dürften auch im Fall einer verschärften Krise an den hohen Zinsen auf staatliche Bonds verdienen. Beruhigt sich das politische Szenario oder erholt sich die Konjunktur, dann profitieren die Geldhäuser von den steigenden Kreditvolumina. Schließlich werden die Stahlkocher Usiminas und CSN wegen ihrer niedrigen Verschuldung und der anhaltend hohen Preise weiter steigende Gewinne erzielen.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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