Nach den hohen Kursgewinnen seit März geraten Technologiewerte zusehends ins Abseits
Strategen trauen Finanz- und Pharmaaktien noch viel zu

Die Konjunkturerholung kommt, da sind sich die Experten einig. Einzig die Frage nach dem Zeitpunkt des Aufschwungs beschäftigt die Aktienmärkte weiter. Der Kursanstieg seit März ist vor allem auf Konjunkturhoffnungen zurückzuführen. Vor allem Technologie- und Bankentitel profitierten von der wachsenden Zuversicht der Anleger.

DÜSSELDORF/NEW YORK. Inzwischen ist der Optimismus aber ein wenig abgeklungen. „Unserer Meinung nach ging der Kursanstieg etwas weit“, sagt Stefan Rausch, Leiter der Aktienanalyse bei Helaba Trust. Er geht davon aus, dass die Anleger-Favoriten des ersten Halbjahres vor ruhigeren Monaten stehen. „Wir raten dazu, Technologiewerte und Versicherer vorerst unterzugewichten.“ Andererseits sieht Rausch auch für defensive Werte wie Lebensmittel- und Versorgeraktien wenig Chancen, da er nicht damit rechnet, dass die Risikobereitschaft der Anleger deutlich zurückgehen wird. Er setzt für das zweite Halbjahr auf Kursgewinne bei Industrie- und Pharmaaktien, die zuletzt „zu Unrecht vernachlässigt wurden“. Unter den europäischen Aktien traut er dem französischen Elektronikhersteller Schneider sowie Altana und Fresenius Medical Care aus dem Pharma-Sektor die beste Entwicklung zu.

Gerhard Schwarz, Aktienstratege der HypoVereinsbank (HVB), erwartet eine vorübergehende Erholung defensiv ausgerichteter Sektoren: „Im dritten Quartal werden wir an den Märkten wohl eine Seitwärtsbewegung sehen. Das begünstigt die Werte, die zuletzt unter Druck standen.“ Im Schlussquartal sieht Schwarz wieder Perspektiven für Zykliker und Finanzwerte, da dann die Anzeichen für einen Aufschwung deutlicher werden sollten.

Bernd Meyer, Europa-Stratege der Deutschen Bank, rät zu einem Übergewichten des Versicherungssektors. Die Kurse der Versicherer hingen immer noch hinter dem Gesamtmarkt zurück. Auch für Bankaktien sieht Meyer weiteres Aufwärtspotenzial: „Finanzwerte insgesamt waren durch die Kapitalmarktschwäche stark gebeutelt. Nach der Stabilisierung an den Börsen sollten die Risiken jetzt aus den Kursen ausgepreist werden“. Weniger optimistisch ist der DB-Stratege für Technologieaktien: „In den Kursen der Tech-Werte spiegelt sich eine sehr hohe Erwartungshaltung der Anleger wider. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die erhofften Wachstumsraten auch erreicht werden.“

Dass die Kurse der Technologieaktien überhaupt so stark zulegen konnten, ist vor allem auf den Mut der US-Anleger zurückzuführen. „Dieser Zyklus ist insofern einzigartig, als dass die Anleger zurzeit sehr risikobereit sind“, sagt Richard Bernstein, Chef-Stratege für den US-Bereich bei Merrill Lynch. Die gestiegene Risikoneigung erstreckt sich nun allerdings auf neuen Favoriten und die suchen die Anleger nicht mehr in den altbekannten Boombranchen. So setzen viele Aktionäre nicht auf die Biotech-Branche, sondern auf Pharmakonzerne. Statt Industrieaktien stehen Verteidigungsfirmen auf der Kaufliste. „Die Anleger haben ständig die Befürchtung, eine Entwicklung zu spät bemerken, und versuchen, den nächsten Trend zu erwischen“, sagt Chefstratege Tobias Levkovich von Citigroup Smith Barney. Allerdings würden diese Trends häufig nicht ausgereizt, da viele Investoren immer noch sehr skeptisch seien.

„Von Optimismus kann noch keine Rede sein“, sagt Levkovich. Er bewertet daher noch immer die Technologie- und die Finanzbranche mit Übergewichten und führt den Chiphersteller Intel und den Computer- und Druckergiganten Hewlett-Packard auf seiner Empfehlungsliste. Weitere Citigroup-Aktientipps sind American Express und die Chicagoer Bank One.

Daneben setzen Börsenexperten in den USA zurzeit auf ausgewählte Einzelhandelstitel. „Die Branche sollte sich vorläufig stabil entwickeln, auch wenn wir bei den anstehenden Quartalsbilanzen keine Überraschungen zu erwarten haben“, sagt Fred Dickson von der Investmentbank D.A. Davidson. „Immerhin zieht die Nachfrage langsam wieder an.“ Analyst Brian McGough von Morgan Stanley hingegen rät bei Konsumtiteln insgesamt zur Vorsicht. Markennamen wie Ralph Lauren und Nike bewertet er aber mit „Übergewichten“, weil deren Kunden eine stärkere Bindung an die Produkte hätten und den Unternehmen so kein Preiskampf drohe.

Zum Kauf raten Analysten auch bei Caterpillar. Der größte Hersteller von Erdbaugeräten hatte seine Gewinne im vergangenen Quartal verdoppelt und damit die Expertenerwartungen weit übertroffen. Analyst David Bleustein von UBS Warburg erhöhte jüngst seine Gewinnprognose für das laufende und das kommende Jahr um fast ein Drittel.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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