Nachgefragt: Christian Röhl
„Eine Flat-Tax wäre gerechte Lösung“

Christian Röhl,Vorstand des Branchendienstes Zertifikate-Journal, erklärt im Interview, wann ein Anleger seine Erträge aus Zertifikate versteuern muss und welche Grenzfälle es bei der Besteuerung gibt.

Handelsblatt: Herr Röhl, wann muss der Anleger seine Erträge aus Zertifikaten versteuern?

Grundsätzlich sind Erträge aus Zertifikaten nach Ablauf der einjährigen Spekulationsfrist steuerfrei, es sei denn, es handelt sich bei dem entsprechenden Produkt um eine Finanzinnovation. Dann müssen die Erträge unabhängig von der Haltedauer versteuert werden.

Christian Röhl:Wann gilt ein Zertifikat als Finanzinnovation?

Wenn die Papiere mit einer Kapitalgarantie ausgestattet sind oder laufende Auszahlungen versprechen. Dabei spielt es keine Rolle, ob das eingesetzte Kapital zu 100 Prozent geschützt ist oder ob es nur eine teilweise Garantie gibt. Allerdings muss die Kapitalsicherung bereits zur Emission des Zertifikates feststehen und darf nicht von der künftigen Performance abhängen.

Gibt es Grenzfälle, bei denen die Besteuerung umstritten ist?

Sicher, bei den All-Time-High-Zertifikaten der HypoVereinsbank setzt der Sicherungsmechanismus erst nach einem Monat ein, wenn der erste Monatsendstand des Basiswertes feststeht. Herrschende Meinung ist, dass die Papiere deshalb keine Finanzinnovationen sind. Gravierender sind die Zertifikate auf Rentenindizes wie den RexP, die die Zinserträge aus Bundesanleihen in Kursgewinne umwandeln. Während die WestLB davon ausgeht, dass das Produkt der Zinsabschlagssteuer unterliegt, sehen andere Banken die Sache etwas lockerer. Allerdings spielen diese Papiere in der Emissionspraxis keine Rolle mehr.

Die Emittenten beklagen trotzdem die Rechtsunsicherheit seitens des Gesetzgebers. Was muss sich ändern?

Es muss ein verbindlicher Rahmen ohne Interpretationsspielräume geschaffen werden, nicht nur für die Emittenten, sondern vor allem für die Kunden. Das ist eine Frage des Anlegerschutzes, denn momentan ist die Anlageberatung zu einer Unterdisziplin der Steuerberatung verkommen.

Sehen Sie eine Lösung?

Eine Flat-Tax, eine generelle Abgeltungssteuer auf alle Anlageformen wäre die gerechteste und einfachste Lösung. Alle Kapitalerträge, egal ob Kursgewinne oder Dividenden, ob die Erträge aus Aktien, Anleihen, Zertifikaten oder einer Kapitallebensversicherung stammen, würden unabhängig von der Höhe des Gesamteinkommens des Steuerpflichtigen pauschal mit einem bestimmten Prozentsatz besteuert. Im europäischen Vergleich sollte der Steuersatz zwischen 15 und 20 Prozent liegen. Das bringt Klarheit für Anleger und Emittenten. Und das Kapital würde endlich dorthin fließen, wo es die höchste Rendite erwirtschaften kann, nicht länger in windige Steuermodelle. Aber der Gesetzgeber unternimmt im Moment keine Anstalten.

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