Nachgefragt: Hakan Avci
"Reformen stützen den Aufschwung"

Hakan Avci ist Research-Direktor des Finanzhauses Raymond James Securities in Istanbul. Im Interview erklärt er, welche Trends an den zuletzt boomenden Finanzmärkten in der Türkei zu erwarten sind und was der erhoffte EU-Beitritt für das Land bedeutet.

Handelsblatt:Welche Bedeutung hat die Türkei in ihrer politischen und wirtschaftlichen Rolle zwischen Abendland und Morgenland?

Hakan Avci: Die Türkei ist das einzige muslimische Land im Mittleren Osten, das auf einer funktionierenden und dynamischen Demokratie basiert. Die in Europa anhaltende Debatte über die Qualität unserer Demokratie ist nicht wirklich zu verstehen. Wir haben unseren demokratischen Standard nämlich immer stärker dem europäischen Niveau angenähert. Religiös geprägter Terror ist zu Beginn dieses Jahrhunderts eines der größten Probleme. Die Türkei ist das einzige Land in der Welt, das nachweisen kann und wird, dass eine Koexistenz zwischen Islam und Demokratie möglich ist.

Was bedeutet das für den erhofften und geplanten EU-Beitritt?

Ganz einfach: Die EU-Mitgliedschaft der Türkei bietet große Gelegenheiten sowohl für die Türkei als auch für Europa selbst. Die EU hat damit die riesige Chance, bei globalpolitischen Trends mitzureden und weltweite Entwicklungen stärker selbst zu prägen.

Bleibt die Türkei ein Wachstumsland oder sind politische Störungen zu befürchten?

Unsere Regierung hat ihre Aufgabe beeindruckend erfüllt und die Türkei aus der Krise geführt. Sie hat den Märkten klare positive Signale hinsichtlich der Einhaltung der IWF-Vorgaben und des EU-Beitritts gegeben. Eine Erneuerung des IWF-Hilfspakets ist geplant. Ich sehe also keinen wirklichen Grund, weshalb sich die positive wirtschaftliche Entwicklung nicht fortsetzen sollte.

Welche Trends sind an den zuletzt boomenden Finanzmärkten in der Türkei zu erwarten?

Die positive Entwicklung der Finanzmärkte wurde vor allem durch zwei Komponenten bestimmt: zum einen von der guten Arbeit der Regierung und zum anderen von der allgemein positiven Stimmung für Investments in den Emerging Markets. Diese beiden Faktoren werden auch die Zukunft unserer Finanzmärkte bestimmen. Ich erwarte für 2005 eine weiter positive Entwicklung der Märkte, doch dürften die Resultate hinter denen des Vorjahres zurückbleiben.

Welche Rolle spielen die Ausländer an den türkischen Märkten?

Ausländische Investoren haben ihre Positionen in türkischen Finanzwerten in jüngster Zeit peu à peu aufgestockt. Im Januar stiegen die Käufe türkischer Aktien durch Ausländer zum Beispiel auf 809 Millionen Dollar. Das ist der höchste monatliche Zufluss seit dem Jahr 1996. Wir gehen davon aus, dass das Auslandsinteresse im Hinblick auf den EU-Fahrplan anhalten wird. Die Türkei sollte sich besser entwickeln als andere Schwellenländer. Wir rechnen auch mit einem starken Anstieg der ausländischen Direktinvestitionen.

Die Fragen stellte Udo Rettberg.

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