Nachgefragt: Reiner Dinkel
„Innovative Unternehmen sind gefragt“

Reiner Dinkel lehrt als Professor für Demographie an der Universität Rostock. Im Interview erklärt er, wie sich aufgrund des demographischen Wandels die Nachfrage nach dem Gut Gesundheit entwickeln wird.

Handelsblatt: Die Geburtenrate stagniert. Die Lebenserwartung steigt. Die Deutschen werden älter. Wie verändert die demographische Entwicklung die Nachfrage nach dem Gut Gesundheit?

Reiner Dinkel: Die Nachfrage im Gesundheitssektor richtet sich nach der Altersverteilung der Gesellschaft Bald leben in Deutschland doppelt so viele alte Menschen wie heute – und sie werden dank einer immer leistungsfähigeren Medizin immer älter. Da viele Krankheiten wie Alzheimer, Demenz oder Krebs nun mal im Alter auftreten, explodiert der Bedarf an Gesundheitsleistungen. Die Fortschritte der Medizin schafft sich diese Nachfrage praktisch selbst.

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt enorm. Im Jahr 2050 werden 4,7 Millionen pflegebedürftige Menschen in Deutschland leben. Welche Branchen profitieren von der Vergreisung der Deutschen?

All die Unternehmen, die Produkte für die Gesundheitsbedürfnisse älterer Menschen anbieten. Und das sind die Pharmakonzerne und die Hersteller von Medizintechnik, aber auch die Betreiber von Krankenhäusern.

Bleibt als Risiko die drohende Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Wer soll denn die steigende Nachfrage bezahlen?

Die Gesundheitskosten explodieren bereits seit 50 Jahren. Mit der demographischen Entwicklung hatte das bislang allerdings nichts zu tun. Die demographisch bedingte Kostenexplosion steht uns erst noch bevor. Gegen diesen Kostenanstieg gibt es kein Gegenmittel. Um diese demographische Entwicklung zu vermeiden, waren wir zu lange untätig und müssen das jetzt meistern. Dabei werden auch die Senioren nicht umhin kommen, einen immer größeren Teil der Gesundheitskosten über Eigenleistungen und Selbstbehalte mitzutragen.

Wie können sich Unternehmen strategisch auf die Kostenfalle einstellen?

Die Unternehmen haben zwei Möglichkeiten. Sie müssen in neue und wachsende Märkte expandieren – vor allem nach Asien oder nach Afrika. Dort ist die Bevölkerungsstruktur eine andere. Die Menschen sind dort im Durchschnitt jünger als in den Industrieländern, aber auch dort wächst die Zahl der Senioren stark. Gleichzeitig müssen die Unternehmen dem Kostendruck durch zunehmende Innovationen begegnen. Der Markt für Gesundheitsprodukte wird jedenfalls noch wachsen, wenn andere Wirtschaftsbereiche längst schrumpfen.

Die Fragen stellte Marcus Pfeil.

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