Nachgefragt: Richard Davidson
„Wir sehen keinen neuen Bullenmarkt“

Richard Davidson, Aktienstratege bei Morgan Stanley, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Sehen wir an den Aktienbörsen den Beginn einer neuen Hausse?

Nein, ein Bullen-Markt existiert erst, wenn die Kurse drei Jahre hintereinander gestiegen sind. Wir sehen derzeit normale Nachwirkungen der Baisse. Die Kurse werden über fünf Jahre hinweg in einer breiten Spanne zwischen 700 und 1 100 im MSCI Europe-Index schwanken. (Der Morgan Stanley Capital International ist ein paneuropäischer Aktienindex). Derzeit liegt der Index bei 860.

Sollten Anleger jetzt kaufen oder Gewinne mitnehmen?

Aktien sind für uns die zu favorisierende Anlageklasse. Wir erwarten bis Ende des Jahres eine weitere Aufwärtsbewegung der Aktienkurse um rund 8 Prozent.

Welchen Anteil des Vermögens sollten Anleger heute in Aktien investieren?

Seit März liegt unsere Empfehlung bei einem Aktien-Anteil von 6 Prozent. Das ist der höchste Stand seit 1996. Möglicherweise werden wir die Aktiengewichtung demnächst leicht senken.

Im Vergleich zu Anleihen gelten Aktien heute als billig. Welchen Einfluss hat die Zinsentwicklung auf den Aktienmarkt?

Von der Zinsseite kommt der alles entscheidende Einfluss. Wir glauben, dass die EZB und die Fed die Leitzinsen um weitere 50 bzw. 25 Basispunkte senken werden. Dennoch dürfte die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen in diesem Jahr von 3,85 auf 4,25 Prozent steigen. All dies ist gut für Aktien.

Kurstreiber Nummer eins war die hohe Liquidität. Wie lange wird die Börse von dieser Seite noch Unterstützung erhalten?

In den vergangenen eineinhalb Jahren haben risikoscheue Anleger einen hohen Liquiditätsberg aufgebaut. Die Risikoaversion ist zuletzt jedoch geschrumpft. Der Liquiditätsberg ist weiter sehr hoch. Mit anderen Worten: Hier besteht noch ein riesiges Potenzial für Aktien.

Ist die Bewertung der Aktienbörsen nach dem jüngsten Kursanstieg noch mit vernünftigen Ertragserwartungen in Einklang zu bringen?

Für Europa ist diese Frage eindeutig mit Ja zu beantworten. Die Aktien werden an Europas Börsen derzeit auf einem Niveau bewertet, das auf eine Stagnation der Gewinne schließen lässt. Wir erwarten jedoch, dass die Erträge 2003 in Europa um 10 Prozent steigen. In den USA sehen wir Aktien als fair bewertet an.

Das Gespräch führte Udo Rettberg.

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