Nachgefragt: Robert Shiller
„Wie der wilde Ritt der 30er-Jahre“

US-Professor Robert Shiller von der Uni Yale über vernünftiges Anlegen und die Treiber der Kurse.

Handelsblatt: Ähnelt die Lage am Aktienmarkt der Spekulationsblase Ende der 90er-Jahre?

Robert Shiller: Immer wenn die Kurse kräftig steigen, fürchten manche Leute, dass sie eine einmalige Gelegenheit verpassen. Viele Anleger möchten dann so schnell wie möglich einsteigen. Es liegt eine aufgeheizte Spannung in der Luft, ein Gefühl, dass die irrationale Übertreibung der 90er vielleicht doch gerechtfertigt war.

Was ist heute anders als damals?

Die Stimmung ist weder so übertrieben euphorisch wie damals, noch existiert eine vergleichbare Dynamik, die neue Anlegerschichten, Leute ohne jegliche Erfahrung, in den Aktienmarkt treibt. Am wichtigsten aber ist: Diesmal wird der Kursaufschwung nicht von Theorien einer neuen Wirtschaftsordnung begleitet, wie sie in den 90er-Jahren populär waren. Diese neuen Ideen rechtfertigten damals eine äußerst hohe Bewertung der Aktienmärkte.

An welchen anderen historischen Zeitabschnitt erinnert das gegenwärtige Marktumfeld?

Ein interessanter Vergleich lässt sich zum Kursaufschwung zwischen 1932 und 1937 ziehen. Diese Rally folgte auf den schlimmsten Kurssturz der Börsengeschichte im Jahr 1929. Der Bullenmarkt von 1932 bis 1937 brachte enorme Kursgewinne für Investoren, aber ohne die Begeisterung, die den US-Markt in den wilden 20ern nach oben trieb. Die Erholung basierte auf rasanten Gewinnsteigerungen der Unternehmen und auf der Hoffnung, dass die Kurse ihre alten Höhen wieder erreichen würden. Was fehlte, war eine überzeugende Theorie, die eine neue, bessere Wirtschaft versprach. Deshalb brach die Rally zusammen, als die Unternehmensgewinne nach 1937 nicht mehr so stark anstiegen.

Danach haben wir noch einige gute Börsenjahre zu erwarten, bevor die Kurse erneut einkrachen?

Ich erwarte diesmal keinen so wilden Ritt wie in den 30er-Jahren. Aber das historische Beispiel zeigt, was möglich ist. Eine Parallele sehe ich darin, dass auch heute äußerst unsicher erscheint, ob die Unternehmen die Steigerungsraten ihrer Gewinne aufrechterhalten können oder ob die jüngsten Erfolge weitgehend auf Sparprogrammen und anderen Maßnahmen basieren, die sich nicht unbegrenzt fortschreiben lassen.

Was treibt die Kurse derzeit an?

Die wichtigste Rolle spielt die scharfe Trendwende der Konjunktur, die den Unternehmen enorme Gewinnzuwächse beschert hat. Die Aktienkurse entwickeln sich ungefähr parallel zu den Gewinnen. Die Marktpsychologie hat sich dagegen wenig verändert. So ist unser Index des Vertrauens in den Aktienmarkt von der Yale School of Management seit dem Börsentief im März zwar gestiegen, aber nicht dramatisch.

Was sollen Anleger tun?

Investoren sollten ihr Geld über alle Anlageklassen streuen. Die künftige Entwicklung des Aktienmarktes ist keineswegs klar, und angesichts der aktuellen Überbewertung besteht das Risiko eines scharfen Rückschlags. Verantwortliche Anleger lassen sich nicht vom emotionalen Sog der Rally dazu treiben, ihr Vermögen allzu stark auf Aktien zu konzentrieren.

Die Fragen stellte Tobias Moerschen.

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