Nachgefragt: Thorsten Hens
" Sich Grenzen setzen und einhalten!"

Thorsten Hens ist Professor für Finanzmarktökonomie an der Universität Zürich. Im Interview erklärt er, warum institutionelle Anleger von Börsenblasen betroffen sind und das sich Anleger Grenzen setzen sollten.

Handelsblatt: Hilft die Verhaltensforschung dabei, die Börse zu erklären?

Thorsten Hens: Sie liefert keine Erklärung für das komplette Börsengeschehen. Ich jedenfalls würde mein Geld nicht auf jede Anlageanomalie privater Investoren setzen.

Sind denn nur die Privatanleger betroffen?

Nein. Auch institutionelle haben Angst hinter ihre Konkurrenten zurückzufallen, weil sie sich ja gegenüber ihren Kunden rechtfertigen müssen. Wenn im Falle einer spekulativen Blase etwa die Herde losstampft, laufen am Ende alle mit – jedoch aus unterschiedlichen Motiven.

In Boom-Phasen scheinen die Anleger kollektiv den Kopf zu verlieren. Wieso fallen immer wieder fast alle auf eine Börsenblase herein?

Wir hatten etwa zehn Blasen in den letzten 200 Jahren. Die Muster sind die gleichen. Am Anfang steht ein als unvergleichlich eingeschätztes Ereignis – wie die Erfindung des Internets. Erst springen die Profis auf, dann die Kleinanleger. Zum Schluss kommen die, die nicht mehr wissen, was die Kurse treibt, die nur noch selbst von dem Gedanken getrieben werden, wie viel Geld sie verdient hätten, wenn sie vor einem Jahr eingestiegen wären.

Und wann platzt die Blase?

Man muss sich das wie ein Schneeballsystem vorstellen. Wer sich engagiert, hofft, dass andere nach ihm einsteigen. Aber irgendwann ist der Pool erschöpft und keine Kurssteigerung mehr da. Denn die Erwartungen wurden nicht von den Unternehmensgewinnen geschaffen, sondern von den Hoffnungen auf immer mehr Einsteiger.

Steigt der kluge Anleger aus, wenn Lieschen Müller sich für die Börse zu interessieren beginnt?

Klug wäre das. Aber dann verzichtet er eben auch manchmal auf die 20 bis 30 Prozent Rendite, die der Einstieg der Kleinanleger erst einmal bringt.

Wie kann der Anleger sonst von der Kenntnis dieser psychologischen Fallen profitieren?

Indem er sich selbst Grenzen setzt und sich daran hält. Während sich der Kleinanleger höchstens selbst kontrollieren kann, versuchen Hedge-Fonds, aktiv von Markt-Trends zu profitieren. Sie bauen darauf, dass die Marktteilnehmer aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen, spüren Marktimpulse auf und spekulieren darauf, dass diese noch kurzfristig weiter wirken.

Was hilft der Blick auf die Kursgrafik?

Charts haben eine ähnliche Aufgabe wie die Medien. Sie signalisieren, was die anderen schon wissen. Wie eine unserer Umfragen ergeben hat, schauen Anleger als erstes auf den Chart, wenn sie ein Gerücht hören – um herauszufinden, ob die anderen auch daran glauben.

Die Fragen stellte Carolyn Braun.

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