Nachgefragt: Ulrich Eggert
"Der Handel reagiert zu langsam"

Ulrich Eggert ist Zukunftsforscher für Handel und Komsumgüter bei der Unternehmensberatung BBE. Im Interview erklärt er, wie sich der Bevölkerungsrückgang auf die Nachfrage in Deutschland auswirken wird und ob die Unternehmen auf diesen Wandel vorbereitet sind.

Handelsblatt: Ab wann wirkt sich die Alterung in Deutschland auf die Nachfrage aus?

Ulrich Eggert: Das fängt schon heute an: Aufgrund der Überalterung muss der Staat hohe Sozialabgaben fordern, aber er sagt gleichzeitig: „Ich schaffe es nicht, Bürger, du musst privat vorsorgen.“ Deshalb stagniert das Einkommen, das den Haushalten nach ihrer Altersvorsorge noch übrig bleibt, schon jetzt.

Warum wirkt sich das auf den Handel und die Konsumgüterindustrie stärker aus als zum Beispiel auf die Autohersteller?

Wir haben in Deutschland vier Dinge, für die wir mehr Geld ausgeben als andere Länder: Wohnungen, Gesundheit, Reisen und Auto. Für die klassischen Konsumgüter geben wir weniger aus – Bekleidung, Kosmetik, Schuhe und Lebensmittel. Wenn die Nachfrage zurückgeht, schrumpft dieser Bereich zuerst. Die Autohersteller sind von einer sinkenden Nachfrage im Westen auch deshalb weniger betroffen, weil sie schon international arbeiten: Sie machen 70 Prozent ihres Umsatzes im Ausland. Bei den Möbelproduzenten sind das 20 bis 30 Prozent – wenn es in Deutschland nicht läuft, merken die das sofort.

Sind die Unternehmen auf die sinkende Nachfrage in Europa gut vorbereitet?

Der Handel nicht. Er ist weitgehend mittelständisch organisiert, und die Mittelständler stellen sich noch viel zu wenig darauf ein. Größere sind besser dabei, zum Beispiel Douglas: Die haben kleine Läden – mit denen können sie ins Ausland, und wenn einer nicht läuft, machen sie ihn wieder zu. Wenn ein Kaufhaus mit seiner Niederlassung Probleme hat, ist das Schließen schwieriger. Die Industrie ist etwas weiter als der Handel, sie war schon immer exportorientiert. Da konzentrieren sich viele auf Osteuropa.

Dort werden die Geburtenraten bald genauso niedrig sein wie in Westeuropa.

Aber die Leute verdienen immer mehr, und sie haben noch Kinder, die gibt es ja heute schon. Das geht noch 15 Jahre so. Dann wird der Nachwuchs tatsächlich weniger – in Ostdeutschland war das ja auch so.

Wo haben die Unternehmen dann gute Absatzchancen?

Die Konsumgüterindustrie in den USA. Die haben, was wir nicht haben: Kinder und Zuwanderung. Wenn wir nach Asien schauen, ist heute nicht mehr Taiwan interessant, sondern Thailand, Kambodscha, die Philippinen und Malaysia. Malaysia hat heute schon eine Handelsbranche zum Träumen. Da gibt es Einkaufszentren, nach denen müssen Sie hier suchen. Als globaler Händler werden Sie dort hingehen müssen, denn dort ist in Zukunft die Masse der Bevölkerung, nicht nur in China und Indien.

Die Fragen stellte Patrick Bernau.

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