Nachhaltige Investments
Der Lohn der guten Tat

Der europäische Markt für nachhaltige Geldanlagen institutioneller Investoren ist aus seinem Schattendasein herausgekommen. Je nach Definition umfasst er 34 Mrd. Euro bis 336 Mrd. Euro, wie die erste europaweite Erhebung des Europäischen Forums für nachhaltige Geldanlagen (Eurosif) im Oktober ergab.

BRÜSSEL. Dem Markt, auf dem ökologische und soziale Aspekte die entscheidende Rolle spielen, widmet sich ab morgen die fünfte „Triple Bottom Line Investing Conference“ (TBLI) der Beratungs- und Veranstaltungsagentur Brooklyn Bridge in Amsterdam. Was 1999 im kleinen Kreis begann, hat sich zur weltgrößten Konferenz über nachhaltige Geldanlage entwickelt. 60 Redner und 500 Teilnehmer werden erwartet.

„Nachhaltige Geldanlagen bahnen sich langsam ihren Weg aus der Grauzone in den Mainstream-Finanzmarkt“, meint Eurosif-Geschäftsführer Matt Christensen. Die Zahlen zeigten gar, dass sie bereits dem konventionellen Markt zuzurechnen seien, selbst wenn es sich noch um eine Nische handele.

In den USA wird bereits mehr als jeder zehnte Dollar in dieses Marktsegment investiert, ermittelte das Investmenthaus WestLB Panamure. „Europa hinkt hinterher, ist aber dabei aufzuholen“, sagt Axel Wilhelm, Geschäftsführer der Rating-Agentur Scoris. In den vergangenen Jahren wuchs der Markt hier zweistellig; die Zahl der Investmentfonds legte stark zu. Zwar sank der Anteil am gesamten verwalteten Vermögen in den vergangenen Monaten leicht, was zum Teil durch die wiederbelebte Nachfrage nach traditionellen Aktien zu erklären ist. Rüdiger von Rosen, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts (DAI) erwartet jedoch auch für die nächsten Jahre weltweit zweistellige Zuwächse nachhaltiger Geldanlagen.

Die treibenden Kräfte unter den Großanlegern sind europaweit die Pensionsfonds. Sie legen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Spanien, Österreich und der Schweiz im Durchschnitt 2,1 % ihrer Aktieninvestments nachhaltig an. Je nach Land sei das Engagement jedoch noch sehr unterschiedlich, sagt Eurosif-Chef Christensen. Eurosif bündelt die in diesen Ländern in Foren organisierte Szene aus Unternehmen und Organistationen, die nachhaltige Geldanlagen fördern wollen. Die 22 Mitglieder verwalten ein Vermögen von 600 Mrd. Euro.

Das Potenzial für nachhaltige Geldanlagen ist groß, wie hohe Volumina in Großbritannien (80 Mrd. Pfund) und den Niederlanden (3,1 Mrd. Euro) zeigen. Dort sind die langfristig kalkulierenden Vorsorge-Gesellschaften der Überzeugung, dass nachhaltiges Wirtschaften nicht nur der Umwelt und dem Zusammenleben dient, sondern auch den Firmengewinnen und Aktienrenditen zugute kommt. Daher investieren zum Beispiel ABP und PGGM aus den Niederlanden sowie AP7 aus Schweden einen Teil ihres Kapitals nach ökologischen, sozialen und ethischen Kriterien – Tendenz steigend. Ihre Marktmacht ist groß: sie verwalten zusammen gut 330 Mrd. Euro – genauso viel Kapital wie die gesamte zweite Säule der Altersversorgung in Deutschland ausmacht.

Deutsche Investoren aber sind zögerlich. Sie diskutieren noch über Risiken und Chancen dieses Investmentansatzes. Dies zeigt sich im weit unterdurchschnittlichen Anteil nachhaltiger Anlagen von 1,4 Mrd. Euro oder 1 % des institutionellen Marktes. Die Schweiz ist weiter: Hier haben Institutionelle 1,3 Mrd. Euro oder 2 % des Vermögens nachhaltig angelegt. Detaillierte Ergebnisse für den deutschsprachigen Raum stellt das deutsche „Forum für nachhaltige Geldanlagen“ Ende November vor. In ihm haben sich über 60 Unternehmen und Organisationen zusammengeschlossen.

Auch eine nichtrepräsentative Umfrage unter deutschen Pensionskassen von Scoris zeigt, dass nur wenige in nachhaltige Kapitalanlagen investieren oder dies planen. Trotzdem schätzen drei Viertel der Befragten, dass nachhaltige Kapitalanlagen keinen systematischen Renditenachteil haben und der Markt in den nächsten Jahren wachsen werde. Es hat sich herumgesprochen, dass die Renditen ökologisch und sozial orientierter Kapitalanlagen den meisten empirischen Studien zufolge mindestens Marktniveau erreichen.

Einen Überblick verschaffen die vergleichenden Studien von J.D. Margolis und J.P Walsh sowie von Professor Henry Schäfer von der Universität Stuttgart. Sie werteten 95 beziehungsweise 36 europäische Untersuchungen zu diesem Thema aus. Ergebnis: „Wir finden keine systematische Under- oder Outperformance. Aber in Einzelfällen gibt es eine Outperformance“, sagt Schäfer dem Handelsblatt. Die WestLB Panamure ermittelte, „dass Nachhaltigkeit ein eigenständiger renditetreibender Faktor“ ist und erwartet sogar, „dass Nachhaltigkeitsfilter in der Aktienanlage schon in wenigen Jahren eine Selbstverständlichkeit sein werden“.

Doch noch besteht ein zentrales Hindernis für die Mehrheit der deutschen Pensionskassen: die Unbestimmtheit des Nachhaltigkeitskonzeptes. Das liegt sowohl an den zahlreichen Definitionen als auch an mangelnder Information. Erst die Hälfte der befragten Kassen bezeichnete ihre Kenntnisse als gut. Mangelnde Transparenz, die auch traditionelle Finanzmärkte kennen, behindert auch den Markt für Socially Responsible Investments (SRI). Investmentfonds und Ratingagenturen verwenden derart unterschiedliche Kriterien, dass es Anlegern schwindelig werden kann.

Ein wichtiger Schritt nach vorne sind die Transparenzleitlinien für Nachhaltigkeitsfonds, die der europäische Dachverband Eurosif im Juli vorgelegt hat und die mittlerweile auch auf Deutsch erhältlich sind. Rund 20 europäische Institute haben die Richtlinien inzwischen unterzeichnet, darunter SEB Invest, Kepler und Sarasin aus dem deutschsprachigen Raum.

Die Transparenzrichtlinien sollen dazu beitragen, die Übersichtlichkeit des enorm wachsenden Marktes zu bewahren und deutlich machen, wie und warum Unternehmen dazu gehören oder nicht, und auf welchen Kriterien, Informationsquellen und Methoden die Einschätzungen beruhen. Erstens helfen sie Fondsmanagern, klarer darzustellen, wie ihre Fonds konzipiert sind und welche Anlagephilosophie sie verfolgen. Zweitens sollen Anleger zu einem besseren Verständnis der Methoden und Vorgehensweisen der Fonds gelangen. Drittens sollen die Leitlinien verhindern, dass Zweifel an der Integrität einzelner Fonds aufkommen.

Rating-Agenturen wie Imug, Oe-kom Research und Scoris begrüßen die Leitlinien. Ihre eigene Branche, die 15 Rating-Agenturen Europas, erarbeiteten derzeit gemeinsam Qualitätsstandards, die als freiwillige Selbstverpflichtung umgesetzt werden sollen. Die Qualitätsstandards sollen morgen auf der TBLI-Konferenz in Amsterdam vorgestellt werden. Es ist aber nicht geplant, Kriterien, Indikatoren und Methoden zu harmonisieren und standardisieren. Man hofft, dass allein mehr Transparenz den Markt beleben wird.

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