Nachhaltiges Wirtschaften
Mehr Strategie, weniger PR-Gerede

Deutsche Firmen gehen in Sachen Nachhaltigkeit und Corporate Responsibility (CR) noch immer nicht strategisch vor. Wirtschaftsprüfer fordern ein nachhaltiges Kerngeschäft und seriöse Verantwortlichkeiten im Management großer Konzerne.
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„Überraschenderweise haben 80 Prozent der Unternehmen noch keine durchgängigen CR-Managementstrukturen etabliert“, sagt Dieter Horst, Leiter des Bereichs Corporate Responsibility Assurance beim Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers (PwC). Es mangele an einem unternehmensweit verankerten Managementbewusstsein, Reportingstrukturen und Kontrollsystemen. „Was ich nicht kontrolliere, kann ich weder sinnvoll steuern noch planen“, warnt Horst.

Das kann fatal sein, weil ökologische und soziale Aspekte für das Kerngeschäft immer wichtiger werden. Dies ist ein Grund, warum Unternehmen seit 2006 darüber in ihren Lageberichten aussagekräftige Angaben machen müssen. Analysten und Investoren, die wichtigsten Zielgruppen, bewerten Schlüsselindikatoren zu Nachhaltigkeitsleistungen überwiegend als wichtig oder sehr wichtig für Geschäftsverlauf, Lage und voraus-sichtliche Entwicklung von Unternehmen. Das ergab eine aktuelle Umfrage im Auftrag der Wirtschaftsprüfung Deloitte und dem Bundesumweltministerium.

Problematisch sei, dass in den Unternehmen die übergeordnete ideelle und organisatorische Klammer für nachhaltiges Wirtschaften fehle, so Horst, der 20 Nachhaltigkeitsberichte geprüft hat und Juror bei den Nachhaltigkeitsberichts-Wettbewerben der Wirtschaftsprüferkammer ist. Aktivitäten zur ökologischen und sozialen Verantwortung seien fragmentiert und planlos auf Abteilungen verstreut, ohne in die Strategie, also Innovationsprozesse und Produktentwicklung, integriert zu sein.

Das erklärt auch, warum nur Adidas, Henkel und Karstadt-Quelle unter den Top 50 der Unternehmen mit weltweit führenden Nachhaltigkeitspraktiken sind, die der britische Think Tank Sustainability im November ermittelte. Zwar haben die meisten Konzerne Stellen für „Corporate Social Responsibility“ (CSR). „Aber die sollen häufig nur koordinieren, selten beraten und haben kaum Kontroll- oder gar Weisungsbefugnis“, stellte Horst fest. Nur einzelne hätten Abstimmungsgremien, in denen neben Nachhaltigkeitsexperten ein Konzernvorstand sowie Leiter von Führungsgesellschaften und Investor Relations vertreten seien, bestätigt Joachim Ganse, Geschäftsführer der Deloitte Cert Umweltgutachter.

Vorbildhaft sei hier etwa BASF, sagt Birgit Riess, Leiterin CSR der Bertelsmann Stiftung. BASF-Vorstand Eggert Voscherau sitze dem Nachhaltigkeitsrat vor, in dem die strategische Planung, alle Produktbereiche, Funktionsbereiche und Regionen vertreten seien. „Sehr gut ist die strategische Verankerung auch bei der WestLB, deren Sustainability-Management im Vorstandsstab und so direkt beim Vorstandsvorsitzenden angesiedelt ist“, so Riess. Die Analysten der Ratingagentur Oekom Research sehen dagegen nur bei Henkel Nachhaltigkeit als Querschnittsthema integriert. Ausländische Vorreiter seien BHP Billiton, Ricoh, Motorola, Sharp, Hewlett-Packard, Storebrand und Westpac Banking.

Meist fehle in Deutschland der Brückenschlag, ohne den wirksames Nachhaltigkeitsmanagement unmöglich sei, sagt Dieter Horst: Es komme auf ernsthafte Stakeholderdialoge mit Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, Mitarbeitern, Zulieferern und Kunden an. „Ohne einen systematischen Stakeholderdialog ist es so, als hätte eine Aktiengesellschaft keine Investor Relations-Abteilung“, veranschaulicht der Wirtschaftsprüfer. Im angloamerikanischen Raum könnten Stakeholder beraten, manchmal sogar mitbestimmen, so Horst.

Bei seiner Prüfung analysiert er, wie seriös Unternehmen CSR betreiben. Es geht um Firmenpolitik, Managementstrukturen, Verantwortlichkeiten, Organisationsgrad, wie glaubwürdig die Berichterstattung ist, ob und wofür die Daten intern genutzt werden, ob die Krisenkommunikation funktioniert – und welche Ziele und Kontrollsysteme es gibt. „Nachhaltigkeit wird häufig immer noch nicht als Strategie, sondern als Kommunikationsmittel verstanden“, sagt Horst. Viele Unternehmen erstellen einen Nachhaltigkeitsbericht und überlegen erst dann, ob sie ein Managementsystem brauchen. Manchem falle im Juli ein, im Oktober einen Bericht zu präsentieren. Ein solides Dokument erfordert aber mindestens neun bis zwölf Monate, weil viele Daten lückenlos und überprüfbar erhoben werden müssen.

Das Finanz- und Rechnungswesen großer Unternehmen kann binnen zwei Monaten den Jahresabschluss liefern, weil es unterjährig finanzielle Leistungsdaten erhebt. „Das sollte auch Zielvorgabe für das CR-Reporting sein“, sagt Horst. Fast alle Dax-30-Konzerne und viele Unternehmen haben zwar Berichte oder Webseiten zur Nachhaltigkeit. Aber oft ist die Qualität fragwürdig. Von schätzungsweise 150 bis 200 Berichten erscheinen die meisten im zweijährigen Turnus – ungeprüft. „Warum berichten Unternehmen auf 50 Seiten über die Vergangenheit und auf einer, der vorletzten Seite erst, kommen dann vage Ziele?“, kritisiert Dieter Horst. Konkrete Ziele sind wichtig, denn: „Nachhaltigkeit und Image beeinflussen Finanzen, Kundenbindung, Mitarbeiter und damit das Firmenergebnis“, sagt Ganse.

Auf dem Prüfstand

Leistungsindikatoren

Analysten-, Investoren- und Wissenschaftlergruppen identifizieren derzeit CSR-Schlüsselkriterien für die Lageberichte von Firmen. Die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse & Asset Management will bis zum Sommer ökologische und soziale Kennziffern für einige Branchen vorlegen. Diese erarbeitet sie mit Unternehmen, Banken, Versicherern, Wirtschaftsprüfern, Forschungsinstituten und Umweltschützern. Die Leistungsindikatoren, so genannte KPIs (Key Performance Indicators), sollen messbar sein und Firmen vergleichbar machen. Für zehn Branchengruppen des Dax 30 hat Nachhaltigkeitsexperte Axel Hesse für das Beratungsunternehmen Deloitte und das Bundesumweltministerium bereits Kernkriterien ermittelt, die Ratingagenturen und Vermögensverwaltern wichtig sind.

Berichtspflicht

Noch Ansicht von Joachim Ganse, Chef von Deloitte Cert Umweltgutachter, liefern Unternehmen mangels Werteskala nicht genügend nachprüfbare Aussagen zur CSR. Von der kürzlich veröffentlichten deutschen Version der GRI-Standards der „Global Reporting Initiative“ erwartet er einen Schub zu besserer Berichterstattung in deutschen Unternehmen. „Auf Dauer ist eine tiefer gehende Berichtspflicht zu erwarten – schon weil Investoren das verlangen.“

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