Nahost-Konflikt schreckt Anleger in Jordanien nicht ab
Börse Amman profitiert vom Irak-Geschäft

Jordanien profitiert von seiner ausgleichenden Rolle im Nahost-Konflikt. Weder die unsichere Lage im östlichen Nachbarland Irak noch die zunehmende Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern westlich des Jordans haben den Aufwärtstrend an der Börse in Amman stoppen können.

AMMAN. Die Kurse legten im vergangenen Jahr im Schnitt um mehr als die Hälfte zu. Und seit Jahresanfang verzeichneten die Anleger immerhin ein Plus von rund fünf Prozent – trotz der zunehmenden Spannungen vor der Haustür. Zum Vergleich: Der Deutsche Aktienindex kommt auf null Prozent.

Und obwohl sich auch nach dem jüngsten Beschluss Israels, sich aus dem Gaza-Streifen zurückzuziehen, keine rasche politische Lösung des Konflikts abzeichnet, sind Ammans Broker zuversichtlich. „Das Potenzial ist nach wie vor ausgezeichnet“, sagt der Börsenmakler Marwan A. Anahleh von der United Arab Jordan Company for Investment and Financial Brokerage. Er rechnet bis zum Jahresende mit einem Kurspotenzial von 20 bis 40 Prozent. Viele Gesellschaften seien noch unterbewertet. Er empfiehlt vor allem Titel, die beim Wiederaufbau Iraks mit lukrativen Aufträgen rechnen können. So rüste die Jordan Clothing Company die irakische Armee mit Uniformen aus. Empfohlen werden ebenfalls die Jordan Petroleum Refinery und die Jordan Pipes Manufacturing.

Börsenchef Jalil Tarif rechnet mit einem anhaltend optimistischen Börsenumfeld, weil Jordanien eine führende Rolle bei der Beilegung der regionalen Konflikte spielen werde. So sei die Amman Stock Exchange (ASE) zu einer der führenden Börsen im Nahen Osten avanciert. Die Börse sei gegenüber externen Schocks oft resistenter als westliche Handelsplätze, erklärt Tarif. So hätten weder die gezielte Tötung von Hamasführer Scheich Jassin durch Israel noch Terroranschläge in Saudi-Arabien zu einem Kurssturz geführt. „Unruhen sind für uns nicht neu“, meint Tarif.

Auch Finanzmarktreformen hätten sich ausgezahlt. Seit Ende der 90er-Jahre habe Jordanien seinen Kapitalmarkt revolutioniert, sagt der Börsenchef. So sorge das neue Wertpapiergesetz für mehr Transparenz und Effizienz. Der Markt wurde für ausländische Investoren geöffnet und die Aufsichtsbehörde „Jordan Securities Commission“ vom operativen Arm der Börse getrennt. Amman kennt weder Devisenbeschränkungen noch eine Kapitalgewinnsteuer. Das von der ASE übernommene Handelssystem der europäischen Vier-Länder-Börse Euronext soll demnächst weiter verbessert werden. Wie schnell Amman den Technologiesprung geschafft hat, zeigt eine Tafel mit arabischer Schrift im Händlerraum: Der Tag, an dem die Kurse zum letzten Mal manuell eingetragen worden sind, liegt erst vier Jahre zurück. Zudem verweist der Börsenchef auf die Popularität von Dividendenpapieren: zehn Prozent der Bevölkerung besitzen Aktien. Die Börsenkapitalisierung der Unternehmen an der ASE beträgt zwölf Milliarden Dollar, die täglichen Umsätze liegen bei 20 Millionen Dollar.

Nicht nur die Börse, sondern ganz Jordanien mache einen „gewaltigen Reformprozess“, sagt Jordaniens Planungsminister Bassem Awadallah. Er will die Rolle des privaten Sektors weiter stärken. Jordanien wolle nicht nur wirtschaftlich gedeihen, sondern verstehe sich auch als Modell für eine arabische und muslimische Demokratie, meint der 39-jährige Absolvent der London School of Economics, dessen Position mit dem Amt eines Finanzministers vergleichbar ist. Zuvor war Awadallah Wirtschaftsberater von König Abdullah.

Beobachter in Amman weisen allerdings auf die Grenzen der Reformfähigkeit hin. Sie setze nicht bloß den politischen Willen des Königs voraus, sondern auch die Bereitschaft der traditionell gesinnten Gesellschaft, sich der Moderne zu öffnen. So wies das Parlament zwei vom König erlassene Gesetze zur Verbesserung der rechtlichen Situation der Frau zurück. Solange das palästinensische Problem nicht gelöst sei, stoße die Reformfähigkeit Jordaniens an ihre Grenzen, räumt auch Awadallah ein.

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