Nchgefragt: Juergen B. Donges
"Das Wachstum nimmt ab"

Juergen B. Donges ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln. Im Interview erklärt er, wie sich die Überalterung auf die Gesamtwirtschaft auswirkt und womit auf der Nachfrageseite zu rechnen ist.

Handelsblatt: Wie wirkt sich die Überalterung auf die Gesamtwirtschaft aus?

Juergen B. Donges: Soweit sich das von heute absehen lässt, laufen wir auf eine ganze Reihe von Problemen zu. Zunächst einmal müssen die Renten- und Sozialversicherungssysteme in Richtung Kapitaldeckung umgebaut werden, sonst steigen die Beitragssätze weiter und damit die Arbeitskosten. Wir müssen außerdem damit rechnen, dass ältere Leute dem technischen Fortschritt gegenüber weniger aufgeschlossen sind, dass die Innovationskraft in überalternden Gesellschaften abnimmt. Der Standortfaktor Bildung ist in Gefahr, da davon auszugehen ist, dass ältere Leute langsamer lernen als junge Menschen. All dies bedeutet ein langsameres Wirtschaftswachstum.

Womit ist auf der Nachfrageseite zu rechnen?

Sowohl Konsumniveau – weniger Verbraucher – als auch Konsumstruktur – ältere Menschen haben andere Präferenzen – ändern sich. Modellrechnungen zufolge könnten die Konsumausgaben der privaten Haushalte um gut einen Prozentpunkt niedriger sein als heutzutage. Der Absatz der Unternehmen wird sinken. Zudem fragt eine alternde Gesellschaft eher Güter mit hohem Freizeitwert und Gesundheits- und Pflegefallleistungen nach.

Ist dieser Trend umkehrbar?

Die Entwicklung in den nächsten 20 bis 30 Jahren ist gelaufen. Wir wissen, dass die Kinder, die wir bräuchten, nicht geboren worden sind. Eine kluge Zuwanderungspolitik beispielsweise könnte aber durchaus gegensteuern.

Was bedeutet diese Entwicklung für die verschiedenen Branchen?

Die Bedeutung des Dienstleistungssektors gegenüber der Industrie wird weiter anwachsen. Auf der Verliererseite dürften zum Beispiel die Konsumgüterindustrie und das Nahrungs- und Genussmittelgewerbe stehen.

Heißt das, der langfristig denkende Kapitalanleger sollte einen Bogen um westliche Länder machen, deren Bevölkerung altert?

Wenn er wirklich sehr langfristig investiert und davon ausgeht, dass wachstumsfördernde Strukturreformen unzureichend bleiben: Ja.

Befürchten sie den so genannten „Asset meltdown“, das viel beschworene Abschmelzen der Vermögenswerte? Nein, selbst wenn die älteren Menschen einen Teil ihrer Ersparnisse nutzen, um ihren bisherigen Lebensstandard zu finanzieren. Viele Schwellenländer sind unglaublich kapitalhungrig und bieten ausländischen Investoren interessante Anlagemöglichkeiten. Das wird die Kapitalrenditen stabilisieren. Allerdings muss der Investor dort natürlich das Länder- und das Wechselkursrisiko in Kauf nehmen.

Die Fragen stellte Marcus Pfeil.

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