Nervenprobe
Türkei verliert Anleger-Geld

Wie gewonnen, so zerronnen: Die Nerven der Anleger am Bosporus werden auf eine harte Probe gestellt. Denn weil die Kurse sinken, die Lira absackt und die Inflation steigt, ziehen Investoren massiv Kapital ab.

ISTANBUL. Der Istanbuler Aktienindex, der in den ersten beiden Monaten dieses Jahres stattliche 18,6 Prozent gestiegen war, liegt mittlerweile mit fast fünf Prozent im Minus. Für ausländische Investoren sind die Verluste sogar noch weit größer. Denn allein im Mai verlor die türkische Lira gegenüber dem Dollar rund 18 Prozent ihres Werts. Vergangene Woche fiel die türkische Währung auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahren. Zwar erholten sich zum Wochenschluss die Aktienkurse in Istanbul wieder etwas, wie an den meisten Schwellenmärkten. Auch die Lira stabilisierte sich. Aber für eine Entwarnung ist es wohl noch zu früh: „Angesichts der globalen und der lokalen fundamentalen Gegebenheiten sind die Risiken sehr groß“, warnte das Istanbuler Brokerhaus Tera.

Ergun Özen, Manager der Garanti Bank, schätzt, dass in den vergangenen Wochen kurzfristiges Anlagekapital von acht bis neun Mrd. Dollar aus der Türkei abgeflossen sind. Die Flucht der Investoren trifft fast alle Schwellenmärkte. Grund für diesen Abfluss sind die steigenden Kapitalmarktzinsen in den Industrieländern. Dadurch verlieren die riskanteren Märkte in Osteuropa, Asien und Lateinamerika an Attraktivität.

Besondere Risikofaktoren

Im Fall der Türkei kommen aber besondere Risikofaktoren hinzu. Vor allem die Inflation gibt Anlass zur Sorge. Im Oktober 2005 war die Teuerungsrate mit 7,5 Prozent auf den niedrigsten Stand seit drei Jahrzehnten gefallen. Seither steigt sie wieder, im April etwa um 8,8 Prozent. Damit erscheint es zunehmend unwahrscheinlich, dass die Zentralbank ihr Inflationsziel von fünf Prozent am Jahresende erreichen wird. Nachdem die Notenbank in den vergangenen fünf Jahren die Leitzinsen in 29 Schritten ständig gesenkt hatte, ließ sie den Zinssatz am Donnerstag unverändert. Nach dem Treffen stellte die Zentralbank sogar Zinserhöhungen in Aussicht: Ein nachhaltiger Kursverlust der Lira würde vermutlich mittelfristig Auswirkungen auf die Inflation haben und eine Straffung der Geldpolitik nötig machen, erklärte die Notenbank. Analysten rechnen schon für Juli mit einer ersten Zinserhöhung, falls die Inflationsrate auch im Juni oberhalb des von der Zentralbank festgelegten Zielkorridors von 4,5 bis 8,5 Prozent liegen sollte. Der Fall der Lira dürfte die Verbraucherpreise weiter steigen lassen. Der türkischen Rentenmarkt reagierte auf die ungünstigen Inflations- und Zinsszenarien mit deutlichen Abschlägen. Die Rendite der zweijährigen Staatsanleihe stieg in der vergangenen Woche um 118 Basispunkte.

Steigende Zinsen könnten nicht nur das Wirtschaftswachstum bremsen, sondern auch die Haushaltsziele in Gefahr bringen. Finanzminister Kemal Unakitan will in diesem Jahr die Defizitquote unter zwei Prozent drücken. Jetzt mahnt der Internationale Währungsfonds (IWF), mit dem die Türkei zurzeit über die Freigabe weiterer Kredittranchen verhandelt, zusätzliche Einsparungen von drei Mrd. Dollar an. Damit soll nicht nur der Inflationsdruck reduziert, sondern auch das ausufernde Leistungsbilanzdefizit begrenzt werden. Nach Analystenschätzungen könnte der Fehlbetrag 2006 auf sieben Prozent der Wirtschaftsleistung oder mehr anwachsen, nach 6,3 Prozent im Vorjahr. Bisher bereitete die Finanzierung dieses Fehlbetrags der Türkei keine akuten Probleme. So flossen im vergangenen Jahr ausländische Direktinvestitionen in Höhe von 9,7 Mrd. Dollar ins Land, fast drei mal so viel wie 2004. Die beträchtlichen Abflüsse in den vergangenen Wochen sind allerdings ein Alarmsignal.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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