Neue internationale Regeln zur Nachhaltigkeitsberichterstattung
Mehr Klarheit und Qualität für Investoren

Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen werden Analysten und Investoren künftig mehr Qualität und Klarheit bieten und Firmenvergleiche erleichtern. Dafür sollen die neuen internationalen Leitlinien der Global Reporting Initiative (GRI) für Nachhaltigkeitberichte von Unternehmen sorgen. Teils vereinfachen sie die Berichterstattung über wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte, teils fordern sie von Unternehmen mehr Informationen.
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Die neuen Leitlinien der GRI werden am morgigen Donnerstag in Amsterdam auf einer dreitätigen Konferenz vor rund tausend Teilnehmern aus aller Welt vorgestellt. Zu den 120 Rednern gehören Margot Wallström, Vizepräsidentin der EU- Kommission, Achim Steiner, Direktor des Umweltprogramms der UNO, Al Gore, ehemaliger Vizepräsident der USA, sowie Vorstandsvorsitzende multinationaler Konzerne, darunter Gerard Kleisterlee von Philips Electronics.

Die ‚GRI Guidelines’ haben sich international als Standard der nachhaltigen Berichterstattung etabliert. Weltweit nutzen rund 1000 Unternehmen, Verbände und Organisationen aus 60 Ländern die Vorgaben der 1997 gegründeten GRI. In Deutschland orientieren sich 36 börsennotierte Unternehmen und einige GmbHs daran. Vollständig nach GRI richten sich aber nur der Axel Springer Verlag, BMW, Eon, Otto, Puma, RWE und die WestLB. E.on berücksichtigte bereits dieses Jahr den Entwurf der neuen Richtlinien.

BMW und Puma verpflichten Zulieferer, auf Kinderarbeit zu verzichten und hohe Umweltstandards einzuhalten. Axel Springer engagiert sich mit den skandinavischen Papierherstellern UPM und Stora Enso sowie Nichtregierungsorganisationen für eine nachhaltige, mit dem internationalen Label „FSC“ zertifizierte Waldbewirtschaftung in Russland. Es wird eine lückenlose Kontrolle der Wertschöpfungskette vom Wald bis zum Papier auch zu Arbeitsunfällen und Korruption aufgebaut.

„Unsere Vision ist, dass die Nachhaltigkeitsberichterstattung selbstverständlicher Standard wird und eine Vergleichbarkeit wie die Finanzberichterstattung erreicht“, sagt GRI-Geschäftsführer Ralph Thurm. Die Initiative vereint hunderte Unternehmen, Investoren, Ratingagenturen, Wirtschaftsprüfer, Verbände, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftler.

Gemäß den neuen Leitlinien G3 sollen Unternehmen künftig zuerst klären, welche Aspekte für Interessengruppen wie Mitarbeiter, Kunden, Zulieferer und Gesellschaft „relevant“ sind. Dann ist - für Außenstehende transparent - zu entscheiden, welche Aspekte für das Firmengeschäft „wesentlich“ sind – diesen sollen sich Unternehmen ausführlich widmen. Neu ist die Trennung zwischen „weichen“ und „harten“ Aussagen. Berichte sollen zunächst managementbezogene, qualitative Aussagen machen und dann einen Datenteil bieten mit Erklärungen zu den dargestellten mehrjährigen Trends. Die Wirtschaftlichkeit erhält größeres Gewicht.

Außerdem gelten künftig drei Stufen, um deutlicher zu machen, welche Unternehmen sich ganz oder nur teilweise an GRI halten und welche Berichte extern geprüft wurden, erläutert Thurm. Die externe Prüfung bleibt freiwillig, wird aber von Experten aus zwei Gründen empfohlen.

„Die Prüfung von Berichten ist vor allem von internem Nutzen, indem sie Schwachstellen im Managementsystem aufdeckt und diese dem Vorstand berichtet“, sagt Markus Nöthinger, Direktor von PricewaterhouseCoopers in Zürich. Zudem sei sie ein klares Bekenntnis nach außen, dass extra-finanzielle Aspekte dem Unternehmen und für Investoren wichtig seien. „Nur wenn Berichte geprüft und somit glaubwürdiger sind, nimmt die Finanzbranche sie ernst.“ Andernfalls hätten sie den Beigeschmack von Marketing.

Ein G3-Report strukturiere die Informationen besser, reiche aber noch nicht, meint Nöthiger. „Unternehmen müssen überdies konkret zeigen, wie Nachhaltigkeit strategisch dazu beiträgt, mehr Gewinn und Umsatz zu machen oder Kosten und Risiken zu senken - das wollen Investoren wissen.“

Doch viele Unternehmen betrachten schon die Leitlinien als Bürde. „Wer GRI aber konstruktiv nutzt, profitiert davon. Er trainiert die Fähigkeit des Unternehmens, Stakeholderfragen zu beachten, die eigene Unternehmensführung zu überprüfen, die interne Kommunikation zu verbessern und Leistungen vergleichbar darzustellen“, berichtet Florian Nehm, Nachhaltigkeitsmanager des Axel Springer Verlages, der seine Berichte prüfen lässt. GRI biete eine riesige Dienstleistung, weil sie Stakeholderfragen bündle, verdichte und international abstimme. In die neuen Leitlinien flossen während mehrerer Jahre Anregungen tausender Interessengruppen ein. G3 verlange von Unternehmen deutlich mehr Analyse- und Interpretationskompetenz, sagt Nehm.

„Der Bericht als strategisches Managementelement sowie das durch GRI mögliche Benchmarking führt zu mehr Selbsterkenntnis über eigene Stärken und Schwächen und oft zu neuen Zielen und Verbesserungsmaßnahmen“, berichtet Sabine Braun, Geschäftsführerin der akzente Kommunikationsberatung, aus ihrer Arbeit mit Unternehmen wie Volkswagen, RWE, Robert Bosch und Bosch Siemens Hausgeräte. Soziales oder Probleme in der Lieferkette seien oft nur ins Blickfeld gerückt, weil Firmen ihre Berichte an GRI orientierten.

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