Nikkei schwächelt – obwohl japanische Unternehmen gut verdienen
Skepsis an der Börse Tokio

Der Kontrast könnte nicht größer sein: Während in Europa und den USA in den vergangenen Monaten Börsenhochs gefeiert wurden, tritt der japanische Aktienmarkt seit Jahresanfang auf der Stelle.

TOKIO. Zwar hat der Nikkei, der die 225 wichtigsten japanischen Aktien abbildet, in den vergangenen Tagen etwas zugelegt. Mit derzeit rund 16 300 Yen liegt er aber lediglich auf dem Niveau vom Januar – und damit weit entfernt von der 20 000-Yen-Marke, mit der optimistische Fondsmanager und Analysten noch im Frühjahr für das Jahresende gerechnet hatten.

Nach einer beeindruckenden Erholungsrally von Frühjahr 2003 bis Ende 2005 hat Japans Aktienmarkt eine Pause eingelegt. Dabei wächst die Wirtschaft und die Unternehmensgewinne steigen. „Es ist vor allem ein Stimmungsproblem“, sagt Naoki Kamiyama von Morgan Stanley in Tokio. Besonders ausländische Investoren, die die Kurse in der Vergangenheit am stärksten nach oben getrieben haben, sind nach Meinung des Aktienstrategen „übermäßig skeptisch“. Die Angst vor schnellen Zinserhöhungen der Notenbank mischen sich mit der Furcht vor einer schwächeren Konjunkturphase in Japan im kommenden Jahr. Die Diskussion, die Steuern auf Aktien- und Dividendengewinne anzuheben, trägt ebenfalls zur Verunsicherung der Anleger bei.

Dazu neigen die Unternehmen derzeit dazu, ihre Gewinnaussichten für das zweite Geschäftshalbjahr von Oktober bis Ende März eher vorsichtig zu formulieren. „Es macht aber überhaupt keinen Sinn, auf einmal völlig stagnierende Gewinne zu erwarten“, sagt dagegen Kamiyama. Im ersten Halbjahr waren die Gewinne der japanischen Unternehmen noch um zehn Prozent gestiegen. Besser als erwartete Unternehmenszahlen für das laufende Quartal sollten Kamiyama zufolge den Kursen einen Schub geben – wenn auch nur einen kleinen. Zum Jahresende rechnet er mit 16 500 Yen für den Nikkei; Ende 2007 sieht er ihn bei 17 000 bis 17 500.

Auch andere rechnen nicht annähernd mit den hohen zweistelligen Zuwächsen der vergangenen Jahre. Das liegt zum einen daran, dass japanische Aktien nicht mehr unterbewertet sind. Mit den jüngsten Gewinnprognosen liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der im breit gestreuten Topix-Index enthaltenen Firmen bei 17,3 gegenüber 14,6 im S&P 500.

Stratege Kiichi Fujita vom Nomura Forschungsinstitut rechnet deshalb auch im kommenden Jahr nicht mit größeren Investitionen von Ausländern. Lediglich 20 Mrd. Euro dürften Fujita zufolge aus dem Ausland in den heimischen Markt fließen. Das wäre noch weniger als in diesem Jahr. Die Hoffnungen ruhen deshalb auf den japanischen Anlegern. Der Grund: Ab 2007 gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente – und erhalten in Japan beim Austritt aus der Firma eine hohe Einmalzahlung. Allein im kommenden Jahr betragen diese Austrittszahlungen Fujitas Schätzungen zufolge umgerechnet 53 Mrd. Euro. Ein Achtel davon, mehr als 6,6 Mrd. Euro, dürften zusätzlich in japanische Aktienfonds fließen. Damit würden allein die Investitionen über Investmentfonds mit insgesamt 20 Mrd. Euro im kommenden Jahr so hoch ausfallen wie die Nettoinvestitionen der Auslandsinvestoren.

Wegen der Rentner rechnet Fujita damit, dass der Nikkei von 17 000 Yen zum Jahresende schon Ende März die Marke von 18 000 Yen erreicht, um dann bis zum Jahresende 2007 nur noch leicht bis 19 000 Yen zu steigen. Standardwerte dürften profitieren. Kamiyama hingegen zweifelt an einem Aufschwung durch die Rentnergeneration. „Viele sind schon in Aktien- oder Anleihen investiert und werden ihre Investition da nur leicht erhöhen.“

Als größtes Risiko nennen Analysten eine Abschwächung der US-Wirtschaft. Hinzu kommt die Diskussion über eine Steuererhöhung auf Kapitalgewinne; Mitte Dezember soll darüber entschieden werden. Kamiyama hingegen nennt als größtes Risiko die vorschnelle Erhöhung der Leitzinsen durch die japanische Notenbank. Einige Analysten rechnen für die Sitzung am 18. und 19. Dezember bereits mit der zweiten Anhebung. Ein weiteres Risiko sieht er in einer schnellen Aufwertung des derzeit schwachen Yen. Dies dürfte vor allem Exportwerte wie Automobilhersteller treffen, die derzeit im schwachen Umfeld zu den stärkeren Anlagen zählen. Für deutsche Anleger, die in Yen angelegt haben, würde ein stärkerer Yen die Entwicklung der Aktie in Euro zurückgerechnet allerdings verbessern.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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