Norbert Walter im Interview
„Die Party für Anleger ist vorbei“

Der langjährige Chefvolkswirt der Deutschen Bank möchte am Euro festhalten. Allerdings fürchtet er dramatische Verwerfungen durch die Schuldenkrise. Trotzdem bestehe Hoffnung, vor allem für Deutschland.
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Herr Walter, sind Sie persönlich eigentlich in Anleihen investiert?

Ehrlich gesagt haben Anleihen von Autoherstellern mein Depot in der Finanzkrise gerettet. Doch Autohersteller sind Zykliker. Wenn wir in eine Rezession geraten, wird es die Branche treffen. Früher hätte ich gesagt, wenn die Zeiten schlechter werden, sollte man besser auf Versorger setzen. Doch damit wäre man wohl aufgrund der Energiewende eher schlecht gefahren. Es hat sich eben vieles verändert. So manche Gesetzmäßigkeit gilt heute nicht mehr.

Was erwarten Sie – etwa in Bezug auf die Zinsen. Womit müssen Anleger rechnen?

Die Zinsen werden weiter tief stehen und sich unterhalb der Inflationsgrenze bewegen. Dennoch ist die Party für Anleger vorbei. Die ungewöhnlichen Ereignisse sind zahlreich. Wir bewegen uns dann immer wieder außerhalb von unserem Erfahrungsbereich. Jeder Anleger muss einfach wissen: Es gibt derzeit keine nennenswerte Rendite ohne nennenswertes Risiko.

Der risikolose Zins, den es jahrelang für Euro-Staatsanleihen gab, ist passé. Eine Folge der Euro-Krise?

Es gibt keine Euro-Krise! Seit der Einführung des Euro ist der Kurs unserer Währung gegenüber dem Dollar von 1,18 auf 1,35 gestiegen. Das ist eine Aufwertung. Zudem lag die Inflation bei durchschnittlich 1,9 Prozent. Zu DM-Zeiten waren es 2,8 Prozent. Die Schweizer scheinen dem Euro mehr zu vertrauen als die Europäer. Sie haben immerhin ihren Franken daran gekoppelt.

Wie nennen Sie denn dieses Phänomen, das im Euroraum Unsummen verschlingt?

Viele europäische Gesellschaften haben jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt. Es gibt daher ein Staatsschuldenproblem. Das ist übrigens keineswegs auf den Euroraum beschränkt. So müssen auch die Ungarn und die Engländer dringend sparen.

Aber für manche Euro-Länder lagen die Zinsen um 500 Basispunkte über dem Euribor. Erstmals ist in Griechenland ein Schuldenschnitt nötig geworden…

… Die Situation ist dramatisch. Allein auf Grund des Zinsanstieges wäre bei Privatleuten der Bankrott so gut wie sicher. Jetzt muss man gewährleisten, dass Staaten, die in Not geraten, von den Zinsforderungen nicht überfordert werden. Die Geberländer müssen sie entlasten. Das ist meiner Meinung nach die billigste Lösung. Dennoch ist es schwierig, dafür eine politische Mehrheit zu finden. Es könnte gehen, wenn die angeschlagenen Länder bereit sind, zeitweise auf einen Teil ihrer politischen Souveränität zu verzichten.

Viele Volkswirte meinen, wenn etwa Griechenland abwerten könnte, wäre die Situation leichter zu bewältigen…

Dieses Argument kommt oft. Doch in der Praxis funktioniert es fast nie. Nehmen Sie Ungarn und damit ein Land, das hochverschuldet ist und ja noch abwerten könnte. Das Problem: In den Lehrbüchern steht nicht, wie man mit Schulden umgeht, die in Yen oder CHF aufgenommen wurden. Oder Frankreich. Bis zur Einführung des Euro wertete die Volkswirtschaft den Franc immer wieder gegenüber der DM ab, um die Industrie konkurrenzfähig zu halten. Doch erst seit Frankreich Mitte der 80er Jahre die deutsche Stabilitätspolitik adaptierte und den Franc an die DM band, gibt es viele starke Unternehmen dort, die Konkurrenz nicht fürchten müssen.

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  • unser Griechenland heisst Bremen

  • Hoffentlich bleibt Frau Merkel dabei: k e i n e
    EURO BONDS!!!

    Das wäre einb Schritt in die richtige Richtung!

  • Der Herr Professor mal wieder. Vermutlich nicht viel Erfahrung im wirklichen Geschäftsleben...?! Predigt von Weltuntergang der deutschen Industrie bei Abspaltung von den Club-Med Staaten. So ein Unsinn!
    Natürlich würde bei der Wiedereinführung von Franc, Lira und Drachme ein Riss durch Europa gehen und auch durch die Firmen. Aber so war es vor der Einführung des Euro ja auch gewesen und war damals überall der Normalfall. Heute agieren wir global! Ob wir Waren aus China, Taiwan oder nun mal aus Frankreich beziehen ist mittlerweile recht egal!
    Es werden schlichtweg nur die täglichen Umrechnungskurse im Accounting genommen. Das läuft vollautomatisch. Ob das nun Drachmen sind oder Baht oder Pesos ist doch irrelevant.

    Eine stetig schlimmer werdende Wundbrandinfektion eines Gliedes kann man nur Separieren, i.e. Entfernen/Amputieren lösen und nicht durch Einnahme von immer größeren Mengen an Vitaminen.
    Ein Griechenland mit 11 Mio Einwohnern und EUR 50 Mrd. Einnahmen kann eine stetig steigenden Schuldenlast von aktuell EUR 360 Mrd. nicht mal aus den Steuereinnahmen, sprich Cash Flow, generieren. Nicht mal bei einem Haircut.
    Das Land ist für den EURO Mausetot! Es muss entfernt werden und zur Drachme zurück. Ebenso mit Portugal etc.

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