Pessimisten warnen vor Rezession
Hoher Yen lenkt Interesse auf japanische Binnenwerte

Mit der stärkeren japanischen Währung sind Inlandswerte in den Fokus der Investoren gerückt. Exportwerte wie Elektronik- und Automobilhersteller gelten mittlerweile als zu teuer.

TOKIO. Ende September schlossen die meisten japanischen Unternehmen ihre Bücher für das erste Halbjahr 2003 – und nach langer Zeit verbesserte ihr Aktienbesitz, der die Bilanz in den vergangenen Jahren gehörig verdorben hatte, ihre Zahlen. Rund 30 % hat der Nikkei-Index in den vergangenen sechs Monaten gewonnen und damit Dax und Dow übertroffen. Seit seinem 20-Jahrestief Ende April ist er sogar um 41 % gestiegen. Ein überraschend starkes Wachstum der japanischen Wirtschaft und zaghafte Erfolge der Strukturreformen ließen ausländische Investoren ihre stark untergewichteten Japan-Positionen kräftig aufstocken.

Seit einigen Wochen jedoch stagniert der Nikkei – unter anderem, weil der japanische Yen gegenüber dem US-Dollar deutlich an Wert gewonnen hat. Nun fragen sich viele Marktbeobachter, ob das ein Luftholen vor dem nächsten Anstieg ist oder das Ende der Fahnenstange. Mit Prognosen zwischen 10 500 und 12 000 Punkten erwarten Analysten beim Nikkei bis Jahresende zumindest keine großen Sprünge mehr. „Der Wechselkurs bleibt erst einmal ein Thema“, meint Koji Takeuchi vom Mizuho-Forschungsinstitut. Er rechnet damit, dass Anleger erst einmal die weitere Yen-Entwicklung abwarten werden und der Nikkei bis Jahresende in der oberen Hälfte zwischen 10 000 und 11 000 Punkten verharrt. Einzelwerte könnten jedoch gehörig Bewegung erhalten, wenn ab Ende des Monats Unternehmen mit der Bekanntgabe der Halbjahresergebnisse ihre Prognosen in die eine oder andere Richtung revidieren werden.

Zwar hat sich die Angst, ein Anstieg des Yens könnte den Nikkei nach unten reißen, gelegt. Doch mit der stärkeren japanischen Währung sind Inlandswerte in den Fokus der Investoren gerückt. „Es zeigt sich, dass wir es mit einer stabilen, weniger volatilen Entwicklung als befürchtet zu tun haben“, beobachtet Naoki Kamiyama, Stratege bei Morgan Stanley in Tokio. Bisher hatten sich die ausländischen Anleger, die den Kursanstieg in Tokio tragen, vor allem auf Exportwerte konzentriert. Das ändert sich nun. Während der Sub-Index der Elektronikunternehmen im September an Wert verlor, legten Bankenwerte kräftig zu. Der stärkere Yen ist nach Ansicht von Kamiyama nur ein Grund dafür. „Exportwerte wie Elektronik- und Automobilhersteller waren auch einfach teuer. Da ist die Zeit der Gewinnmitnahmen gekommen.“ Kamiyamas Favoriten bis zum Jahresende sind Werte, die besonders stark von einem zyklischen Aufschwung profitieren: Chemie, Stahl und Dienstleistungen. Zum anderen setzt er auf Inlandswerte, die von Reformen profitieren: Banken, Immobilien- und Bauwerte. Da sich in diesen Industrien jedoch die Spreu noch vom Weizen trennt, sei es wichtig, auf die starken Spieler der Branche zu setzen.

Auch Goldman-Sachs-Strategin Kathy Matsui setzt vor allem auf Inlandswerte. Sie hat Elektromaschinen auf „neutral“ gesetzt, die Einzelhandelsbranche dafür auf „übergewichten“ angehoben. Der Grund ist neben dem stärkeren Yen ihr Optimismus, dass die Inlandsnachfrage in Japan spürbar anziehen wird – eine Meinung, die nicht alle Ökonomen teilen. Zu Matsuis Favoriten zählen neben Finanz- und Rohstoffwerten Einzelhändler wie Ito-Yokado und die Restaurantkette Skylark. Aber auch einige Exporteure profitieren vom starken Yen – etwa über den Einkauf. Strategin Matsui nennt als Beispiele Toshiba, Matsushita und den Autozulieferer Denso.

Auch Mizuho-Ökonom Takeuchi glaubt, dass Inlandstitel wegen der Wechselkurs-Unsicherheit bis Jahresende besser abschneiden. Sollte sich 2004 aber die Wirtschaftserholung festigen, werden seiner Ansicht nach aber High-Tech-Werte die Nase vorn haben. Beim Nikkei hält er dann einen Anstieg bis 13 000 Punkte für möglich. Nicht alle Ökonomen sind jedoch davon überzeugt, dass sich die Konjunkturerholung langfristig festigen wird. Pessimisten warnen gar vor der nächsten Rezession 2005.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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