Pharmaindustrie
Dax-Aussicht beflügelt Merck

Für Aktionäre des Darmstädter Chemie- und Pharmaunternehmens Merck ist der bisherige Jahresverlauf eine Berg- und Talfahrt. Einem sprunghaften Anstieg des Aktienkurses im Januar folgte ein dreimonatiger Abschwung, ehe es bis Mitte Mai erneut deutlich nach oben ging. Analysten sehen nun Kurspotenzial durch rasantes Wachstum im Flüssigkristall-Geschäft.

FRANKFURT. Von dem Rekordhoch bei 89,10 Euro stürzte die Merck-Aktie in der Folge aber auf weniger als 65 Euro ab, weil das Wachstum im Geschäft mit Flüssigkristallen die Erwartungen verfehlte. Analysten sehen das schwächere zweite Quartal aber als Ausrutscher. Und auch die Anleger vertrauen offenbar darauf: Inzwischen ist der Kurs wieder über 76 Euro geklettert.

Optimistisch für die kommenden Monate stimmt die Analysten die anhaltend hohe Nachfrage nach Flüssigkristallen für Flachbildschirme in der Chemiesparte. Schlechter läuft zurzeit das Pharmageschäft bei Merck. Doch die Konzernführung könnte den Bereich durch einen Zukauf stärken.

Zudem könnte ein eventueller Aufstieg in den Deutschen Aktienindex (Dax) den Kurs weiter antreiben. Noch ist aber unsicher, ob im September die Merck-Aktie oder doch die der Postbank den Sprung vom MDax in den Dax schafft. Mit dem Indexaufstieg wäre nicht nur ein Prestigegewinn verbunden, sondern auch der Kurs würde profitierten – allein dadurch, dass Indexfonds und andere Produkte, die sich am Dax orientieren, zukaufen würden. Analyst Thomas Brenning von Helaba Trust warnt jedoch davor, auf einen deutlichen Kursausschlag zu hoffen, wenn sich die Deutsche Börse am 5. September entscheidet – der mögliche Dax-Aufstieg sei im gegenwärtigen Kurs schon bereits berücksichtigt.

Anders sieht es im Bereich Spezialchemie aus, in dem Merck zwei Drittel des Umsatzes und die Hälfte des Gewinns erzielt. Hier erwarten Analysten weiter gute Nachrichten. Zwar wuchs das Geschäft mit Flüssigkristallen im zweiten Quartal nur um 8,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal – in den drei Monaten davor waren es 29 Prozent. Da das Management die Effizienz steigern konnte, stieg jedoch die Marge des an sich schon lukrativen Geschäfts, so dass der Gewinn um 34 Prozent hoch ging. „Merck hat die Kosten im Griff, da sind weiter gute Gewinne zu erwarten“, sagt Brenning.

Dazu kommt, dass starke Schwankungen im Flüssigkristall-Geschäft üblich sind. Gerade im zweiten Quartal – unmittelbar vor der Fußball-Weltmeisterschaft – sah die Nachfrage für den größten Hersteller des Ausgangsstoffs für Flachbildschirme nicht so üppig aus: Die Fernsehhersteller hatten die Lager bis oben hin voll mit Geräten für die Fußball-WM. „Doch der Markt ist noch lange nicht gesättigt, die meisten Leute haben noch Röhren-TV“, sagt Analyst Peter Düllmann von Sal. Oppenheim. Auch andere Anwendungen von Flüssigkristallen – Computermonitore und Displays von PDAs oder Mobiltelefonen – liefen nach wie vor glänzend und erlaubten Merck weiter satte Umsätze. Der August habe bereits einen Absatzanstieg gebracht, sagt Düllmann. Angesichts der guten Aussichten des Flüssigkristallmarkts hält auch Analyst Ulle Wörner von der Landesbank Baden-Württemberg für das kommende halbe Jahr Kurse um 84 Euro für angemessen.

Im vom Umsatz her größeren Geschäftsbereich Pharma konzentriert sich Merck auf Mittel gegen Krebs. Das Unternehmen hat mit einer Antikörpertherapie gegen Darmkrebs allerdings ein Medikament auf dem Markt, das durch Patente geschützt ist und ordentlich Geld abwirft: „Erbitux läuft gut, insgesamt ist die Marge des Bereichs Krebsmedikamente aber nicht berauschend“, sagt Analyst Wörner.

Auch in der Entwicklung hat Merck zurzeit kein Medikament, das im nächsten halben Jahr kurstreibende Neuigkeiten auslösen könnte. Und die Meinungen der Analysten über die Aussichten zukünftiger Hoffnungsträger gehen auseinander: Während die einen beispielsweise Stimuvax, ein Präparat zur therapeutischen Krebsimpfung, positiv bewerten, schätzen andere die Chance als gering ein, dass dieses die Testphasen durchsteht. Einig sind sich die Experten dagegen, dass die Forschungskosten von 157 Mill. Euro im zweiten Quartal angesichts der wenigen vermarktbaren Patente, die herauskommen sind, hoch sind.

Eine Möglichkeit, die Pharmasparte aufzupeppen, bieten Übernahmen. Geld dafür hat Merck jedenfalls genug, seit Finanzvorstand Michael Becker Anfang Juni – nachdem der eigene Übernahmeversuch gescheitert war – Aktien des Berliner Pharmaherstellers Schering im Wert von 3,7 Mrd. Euro für 79 Euro das Stück kaufte und diese am 14. Juni für 89 Euro an Bayer weiterverkaufte. Den Darmstädtern brachte die Transaktion ein Plus von 400 Mill. Euro.

„Doch obwohl die Mittel da sind, dürfte es schwer werden, ein geeignetes Akquisitionsobjekt zu finden“, sagt Helaba-Analyst Brenning. Optimistischer gibt sich sein Kollege Düllmann von Sal. Oppenheim: „Eine Merck braucht nicht gleich einen Blockbuster, der Zukauf eines hochspezialisierten Unternehmens würde reichen.“ Die Konkurrenz um mögliche Übernahmekandidaten sei allerdings in der Tat heftig.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%