Plädoyer für die Aktie
Das Märchen vom Volk der Aktienmuffel

Die Zinsen im Keller, der Dax im Höhenrausch – doch die Deutschen meiden die Aktien. Da helfen auch die besten Argumente nichts. Warum das so ist und wie deutsche Sparer doch noch zu Aktionären werden könnten.
  • 24

Es war einmal ein Volk, das entdeckte die Aktie. Es war in den 1990er-Jahren, als in Deutschland das zarte Pflänzchen Aktienkultur zu sprießen begann. In Zeiten des Neuen Marktes lockten märchenhafte Gewinne die Bundesbürger auf das Börsenparkett. Vor allem der Börsengang der Deutschen Telekom, medienwirksam beworben von Schauspieler Manfred Krug, machte viele Deutsche erstmals zu Aktionären.

Doch es war auch die T-Aktie, die vielen Anlegern gründlich die Laune verdarb. Aber der Reihe nach: Es sollte die neue, große Volksaktie werden. „Telekom. Die machen das“, so pries Krug 1996 die T-Aktie zur besten Sendezeit an. Kein Wohnzimmer war vor dem TV-Kommissar sicher. Die Kampagne mit dem Fernsehliebling verfehlte ihre Wirkung nicht.

Die Aktie verkaufte sich im November 1996 bestens, gleich mehrfach überzeichnet war die Emission. Anleger bekamen nur einen Bruchteil der Papiere, die sie eigentlich geordert hatten. Der Erfolg ließ den Kurs der Aktien in die Höhe schießen. Auch die zweite und dritte Tranche im Juni 1999 sowie rund zwölf Monate später verkauften sich schneller als so mancher Festnetz- oder Handyvertrag.

Es war der Höhepunkt der Deutschen Aktienkultur. Immerhin 12,8 Millionen Aktionäre und Besitzer von Aktienfonds zählte das Deutsche Aktieninstitut (DAI) im Jahr 2001. Zum Vergleich: Heute sind es nur noch magere 8,9 Millionen Menschen. Und Jahr für Jahr werden es weniger.

Vielen hat die T-Aktie gehörig die Laune verdorben. Die Geschichte ihres langen Absturzes wurde schon oft erzählt. Noch heute dümpelt das Papier unter seinem Ausgabepreis von 1996. Lange haben die Aktionäre sich mit den teils üppigen Dividendenzahlungen getröstet, doch auch diese Zeiten sind vorbei. Manfred Krug bekannte später, er bedauere zutiefst, dass er für eine Aktie geworben habe, die zahllosen Privatanlegern hohe Verluste eingebracht habe. Ein schwacher Trost für diejenigen, die das Papier teuer gekauft hatten.

Für die deutsche Aktienkultur war die T-Aktie ein herber Rückschlag: Die frustrierten Aktionäre kehrten der Börse den Rücken. Seit 2001 haben sich laut DAI rund 3,9 Millionen Menschen von den Aktienmärkten verabschiedet. Das ist fast jeder Dritte ehemalige Aktionär oder Aktienfondsbesitzer.

Kommentare zu " Plädoyer für die Aktie: Das Märchen vom Volk der Aktienmuffel"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die typische deutsche "Anleger"-Geschichte: Vom Sparbuch zur Telekom über EMTV und Solarworld wieder zurück zum Tagesgeld. Von nichts eine Ahnung, nur von Gier und Angst dominiert. Selbst grundlegende wirtschaftliche Zusammenhänge werden nicht verstanden, und immer die gleichen Fehler gemacht (Mangelnde Diversifikation, Home-Bias, Lieblingsaktien, Verlustbringer werden zu lange gehalten etc.). Nachher ist der böse Kapitalmarkt schuld, die fiese Bank, das gemeine Finanzamt - schuld sind immer die anderen. Ist ja auch viel bequemer, als die eigene Unfähigkeit zu erkennen und sich um Wissen zu bemühen. Deutschland, einig Sparer-Land...

  • Beispiel: Warum kaufe ich keine Telekom Aktie.
    Antwort, weil die Firma nicht einmal ihre Dividende verdient. Versuchen Sie es einmal mit dem normalen Verstand,
    dann sollte sich die Aktien-Sache von alleine klären.

  • Es scheint hier doch einige frustrierte T-Aktionäre und Kinder des neuen Marktes zu geben. Anders lassen sich die Kommentare hier kaum erklären. Das ist schade aber auch nachvollziehbar. Wer versucht jedem Trend nachzulaufen und an jeder Ecke Abzocker und Finanzhaie vermutet (was nicht heißt, dass es keine schwarzen Schafe gibt) lässt sich langfristige Rendite durch die Finger gehen. Die Aktien"kultur" (das mit der Kultur sollte man nun auch nicht zu wörtlich nehmen) wird in D. vermutlich auf lange Zeit eine Randerscheinung bleiben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%