Preisexplosion
Übertreibungen am Ölmarkt

Der Ölpreis, der zuletzt historische Rekorde erreicht hat, spaltet die Welt der Fachleute. Während die einen von einem weiteren Anstieg ausgehen, sehen die anderen kaum noch Spielraum nach oben. Dabei führen beide Seiten vollkommen unterschiedliche Argumente an.

FRANKFURT. Die Preis-Optimisten sehen in den Höchstpreisen einen eindeutigen Beweis für die seit Jahren in den Mittelpunkt gerückte „Peak-Oil-Theorie“. Als „Peak Oil“ wird der Zeitpunkt der maximalen globalen Ölförderung bezeichnet. Dieser ist dann erreicht, wenn die Hälfte des weltweit als förderbar geltenden Rohöls an die Oberfläche geholt worden ist. Experten sagen, dass die starke Nachfrage der bevölkerungsreichen Länder des Fernen Ostens diesen Zeitpunkt schneller näher rücken lässt, als bisher angenommen. Hinzu kommt, dass trotz intensiver Explorationstätigkeit in den vergangenen Jahren keine größeren neuen Ölfelder entdeckt worden sind.

Für die Ölpreis-Pessimisten ist die Hausse nicht zuletzt durch den starken Zufluss spekulativen Kapitals bedingt. Die Fachleute der Ratingagentur Standard & Poors – Berechner des weltweit populärsten GSCI-Rohstoffindexes – schätzen, dass in den ersten fünf Monaten 2008 mehr als 40 Mrd. Dollar spekulativ orientierten Kapitals der Akteure an den Finanzmärkten in die Anlageklasse Rohstoffe geflossen sind. Ein großer Teil dieses eher auf kurzfristige Gewinnerzielung ausgerichteten Anlegerkapitals zielte dabei auf energetische Rohstoffe wie Erdgas und Erdöl. Unter anderem hierdurch sei, so sagen die Pessimisten, eine Preisübertreibung ausgelöst worden, die schon bald durch eine Minuskorrektur abgelöst werde. Spekulatives Kapital sei scheu wie ein Reh und werde den Markt dann verlassen, wenn sich die Ertrags-Perspektiven verschlechtern.

Michael Waldron von Lehman Brothers ist diesem Experten-Lager zuzuordnen. Er hat seine durchschnittlichen Preisprognose für US-Leichtöl (WTI) für das Jahr 2008 von bisher 93 auf aktuell 103,80 Dollar je Barrel angehoben und erwartet den Wendepunkt der Ölpreise für das kommende Jahr. Für 2009 rechnet er mit einem WTI-Durchschnittspreis von nur noch 83,20 Dollar je Barrel. Zwanzig vom Handelsblatt befragte Öl-Analysten sehen den WTI-Preis im Jahr 2009 bei 87,50 Dollar je Barrel. Für das Jahr 2010 wird von diesen Energieanalysten mit einer weiteren Entspannung der Lage und einem Preisrückgang auf 84,90 Dollar gerechnet.

Lehman-Experte Waldron begründet seine Prognose auch mit demnächst abflauenden spekulativen Kapitalzuflüssen in die Anlageklasse Rohstoffe. Darüber hinaus glaubt er, dass sich wegen der konjunkturellen Abschwächung in den USA und in anderen Teilen der Welt und wegen derzeit sehr üppiger Lagerbestände in der Welt schon in absehbarer Zeit eine Wende bei den Ölpreisen einstellen wird.

Die Einflussfaktoren, die in jüngster Zeit für haussierende Ölpreise sorgten, dürften dann an Bedeutung verlieren und zu einer Normalisierung am Ölmarkt führen. Denn neben dem Run der Anleger auf die Anlageklasse Rohöl war der Preis zuletzt auch durch die Aufstockung der chinesischen Ölbestände im Vorfeld der Olympischen Spiele in die Höhe getrieben wurden. Darüber hinaus hatten Produktionsprobleme in wichtigen Ölraffinerien, Streiks in strategisch bedeutsamen Ölhäfen und -verladestationen sowie am gestrigen Montag erneute Terrorattacken nigerianischer Rebellen im Niger-Delta die Versorgung des Weltmarktes mit Rohöl gestört. „Nigeria dürfte auch auf in nächster Zeit noch Probleme bei der Versorgung des Weltmarktes mit Rohöl haben“, hieß es in einer Studie des Finanzhauses MF Global.

Kurzfristige Versorgungsengpässe entstehen auch aus der aktuellen Teilschließung der norwegischen Ölförderplattform Statfjord A in der Nordsee, durch die dem Welt-Rohölmarkt ein Angebot von rund 138 000 Barrel täglich fehlen werden. Um eine Unterversorgung zu verhindern, haben sich die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) daher Anfang dieser Woche zu einer höheren Förderung bereiterklärt. „Wir sind immer bereit, mehr Öl an den Markt zu bringen, wenn das notwendig ist“, sagte der Ölminister der VAE Mohammed al-Hamli.

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