Probleme in vielen Bereichen
Analysten raten bei Luft- und Raumfahrtaktien zu Vorsicht

Wer auf Boeing und EADS setzt, muss auf die gütige Mithilfe der US-Regierung hoffen. SARS, Irak-Krieg und Terrorangst scheinen überstanden. Doch die Aktien knicken weiter ein.

DÜSSELDORF. Eigentlich deutete in den vergangenen Wochen alles auf einen ordentlichen Kursaufschwung hin: Nach grausamen Terroranschlägen, Irak-Krieg und der Lungenseuche SARS vermeldeten Fluggesellschaften endlich wieder Erholungstendenzen, die Verkehrszahlen im Wachstumsmarkt Asien legten wieder zu – und das Konkursgespenst bei vielen großen US-Airlines verschwand. Mit anderen Worten: Das Schlimmste schien überstanden in der weltweiten Luftfahrt. Für einen Konzern wie Boeing ist das immens wichtig, denn sein wichtigstes Standbein ist noch immer der Bau von zivilen und militärischen Flugzeugen.

Doch die Aktien des weltgrößten Luft- und Raumfahrtkonzerns knickten schon wieder deutlich ein, weil Boeing auch in anderen Bereichen enorme Probleme hat. Das wissen nun auch die Anleger: Der US-Gigant schockte die Märkte in der Vorwoche mit der Nachricht, dass in der Raumfahrtsparte eine gewaltige Sonderbelastung in Höhe von 1,1 Mrd. $ abgeschrieben werden muss. Die Aktien, seit dem Terror des 11. September ohnehin schwer gebeutelt, gaben daraufhin erneut empfindlich nach.

Zwei Großbaustellen in einem Konzern – das sehen auch Analysten nicht gerne. Die andauernde Schwäche der zivilen Luftfahrt sei ein Risiko für das Unternehmen, schreibt Merrill Lynch in seiner jüngsten Studie. Außerdem habe Boeing in der ebenfalls schwächelnden Raumfahrtsparte 30 Raketenstarts für das kommende Jahrzehnt aus dem Plan genommen. Während Merrill Lynch dennoch zum Kauf der Aktie rät und ein Kursziel von 46 Euro sieht, sind andere Banken vorsichtiger. Die Smith Barney Citigroup sieht zum Beispiel nur ein Kursziel von 29 Euro und rät, Boeing-Aktien unterzugewichten. Die weitere Entwicklung werde in erster Linie von der Höhe des amerikanischen Verteidigungshaushalts abhängen, schreiben die Analysten. Die US-Regierung ist seit vielen Jahren einer der größten Auftraggeber für Boeing. Eine Kürzung des US-Militärbudgets hätte höhere Abschreibungen, einen schwächeren Cash-Flow und geringere Gewinnmargen zur Folge, heißt es bei der Smith Barney Citigroup.

Zwar hat Boeing mit der 1,1-Milliarden-Abschreibung in der Raumfahrt bereits einiges gebeichtet. Doch wenn der Konzern am Donnerstag seine Halbjahreszahlen vorlegt, werden Investoren auch die große Zivilluftfahrt-Sparte noch einmal genau unter die Lupe nehmen. Mit Massenentlassungen und anderen Sparaktionen hat Boeing es bisher zwar geschafft, sein einst hoch lukratives Geschäftsfeld noch einigermaßen rentabel zu halten. Doch Kritiker werfen dem US-Konzern vor, dass er die schwere Absatzkrise mangels attraktiver Neuentwicklungen auch selbst zu verantworten hat. Während viele Modelle von der 757 bis zum großen 747-Jumbo die besten Jahre längst hinter sich haben, kommt der nächste Hoffnungsträger namens 7E7 („Dreamliner“) frühestens 2008 auf den Markt.

Zumindest im Bereich der zivilen Luftfahrt liegt die europäische Konkurrenz derzeit vor Boeing. Der Rivale Airbus will mit 300 Flugzeugen in diesem Jahr erstmals mehr Einheiten produzieren als der einst übermächtige Marktführer aus den USA. Die gewachsene Bedeutung von Airbus macht die jüngste Halbjahresstatistik deutlich: Während Airbus einen Auftragsbestand von 1 531 Verkehrsflugzeugen aller Art hat, liegen bei Boeing lediglich Aufträge über 1 116 Jets in der Schublade. Vor diesem Hintergrund empfehlen einige Analysten Aktien des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS, der mit 80 % die Mehrheit der Airbus-Anteile hält. Im europäischen Sektor Zivile Luftfahrt bleibe EADS der einzige Wert mit dem Rating „Outperform“, heißt es etwa bei Goldman Sachs. Auch die Bayerische Landesbank sieht nach dem Verdrängen des Marktführers Boeing von der Pole Position „langfristig gute Marktperspektiven“ für die Airbus-Mutter EADS.

Die Banker raten allerdings auch bei EADS zur Vorsicht, weil der Konzern in den Bereichen Verteidigungstechnik und Raumfahrt noch längst nicht mit den großen US-Konzernen konkurrieren könne. Der Zugang zum US-Rüstungsmarkt sei, nicht zuletzt durch gestiegene politische Spannungen, noch weitgehend blockiert, gibt die Bayerische Landesbank zu bedenken.

Wer auf Luft- und Raumfahrtaktien setzt, muss deshalb in erster Linie auf die Mithilfe der US-Regierung hoffen. Sie entscheidet, wie intensiv ihr Patient Boeing in künftige Militäraufträge eingebunden wird. Und sie entscheidet auch, wie schnell EADS im wichtigsten Verteidigungsmarkt der Welt einen Fuß in die Tür bringt.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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