Profi-Anlageempfehlung
Traditionelle Versorger sind besser als ihr Ruf

Klassische Erzeuger arbeiten derzeit mit Hochdruck daran, für Anleger wieder attraktiver zu werden. Ulrich Stephan von der Deutschen Bank sieht auch nach der Energiewende noch Chancen für traditionelle Versorger.
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Kaum mehr als ein Jahr ist es her, dass über Fukushima erst die Tsunami-Welle hereinbrach, dann die Reaktoren des dortigen Atomkraftwerks kollabierten. Rund um den Globus wurde daraufhin die Abkehr von der Nuklearenergie diskutiert. Besonders schnell reagierte Deutschland, das bereits im Juni 2011 den Ausstieg verkündete. Belgien, die Schweiz und andere Nationen folgten oder werden wohl noch folgen, wenn die Stromversorgung anderweitig sichergestellt werden kann.

Für die Unternehmen der Versorgerbranche hat dies erhebliche Folgen: Traditionelle Versorger mussten teilweise innerhalb kürzester Zeit die Wende in ihrem „Energiemix“ einleiten, hohe Abschreibungen verkraften und massiv in Zukunftstechnologien investieren. Gleichzeitig waren Solar- und Windenergie gefragt wie nie. Doch der Boom, auf den auch viele Privatanleger vor allem im Solarbereich gesetzt haben, erweist sich als nicht nachhaltig: Die Subventionen, mit denen Deutschland Photovoltaik-Herstellern zu Absatzrekorden verhalf, wurden gekürzt. Vor allem China produziert Solaranlagen deutlich günstiger und in gleicher Qualität. Zudem ist Sonnenstrom derzeit nicht wettbewerbsfähig, die Speicherproblematik ist noch ungelöst.

Derweil sind die klassischen Erzeuger besser als ihr derzeitiger Ruf – auch mit Blick auf ihr nachhaltiges Engagement. Versorger aus beispielsweise Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland wollen ihren Stromanteil aus erneuerbaren Energien so schnell wie möglich ausbauen. Einige „Big Player“ haben für die kommenden Jahre Investitionen in erneuerbare Energien von etwa 16 Milliarden Euro angekündigt.

Während sich die Europäische Union dazu verpflichtet hat, spätestens im Jahr 2020 einen Anteil von mindestens 20 Prozent der insgesamt benötigten Energie als erneuerbare Energie zu erzeugen, geht die Bundesregierung einen Schritt weiter und hat als Ziel für das Jahr 2020 eine Quote von 35 Prozent gesetzt, bis zum Jahr 2050 sollen es 80 Prozent sein. Der Bundesverband der deutschen Energiewirtschaft stellte jüngst fest, schon jetzt werde in Deutschland mehr Strom aus regenerativen Quellen gewonnen als aus Kernkraftwerken.

Neben dem Umbau ihres Energiemix sprechen eine Reihe weiterer Kennziffern für Potenzial bei den traditionellen Versorgern: Nach den schwachen Kursverläufen der vergangenen Monate könnte das Tal durchschritten sein. Auch die Erlöse sollten sich deutlich erholen. Zwar sehe ich das durchschnittliche Gewinnwachstum der deutschen Versorger 2012 bei lediglich 2,3 Prozent im Vergleich zu dem Gewinnwachstum europäischer Versorger von 10,7 Prozent. Doch schon für 2013 erwarte ich auch für deutsche Konzerne wieder zweistellige Zuwachsraten.

Die Ausschüttungen verleihen den Titeln ebenfalls Attraktivität. Traditionell gelten Versorger als Unternehmen mit hoher Dividendenrendite. Trotz der erlittenen Verluste dürften meiner Schätzung nach die Dividendenrenditen deutscher Konzerne der Branche in diesem Jahr immer noch über dem Durchschnitt der Dax-30-Titel liegen. Für die europäische Versorgerbranche erwarte ich sogar eine Dividendenrendite von 6,5 Prozent. Das sind gute Aussichten für ein Investment in den Sektor, der – anders als konjunktursensible Branchen – durch eine mögliche Verschärfung der Euro-Krise oder einen Wachstumsrückgang der chinesischen Wirtschaft im Vergleich zum breiten Aktienmarkt weniger belastet werden dürfte. Neben deutschen Werten erscheinen mir vor allem integrierte beziehungsweise breit aufgestellte europäische Versorgertitel interessant.

Kommentare zu " Profi-Anlageempfehlung: Traditionelle Versorger sind besser als ihr Ruf"

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  • Steigende Strompreise aufgrund teuren Ökostroms sind m.E. gefährlicher als günstiger Atomstrom. Es springen wohl mehr Leute aus dem Fenster, weil sie ihre Stromrechnung nicht mehr zahlen können als es Tote durch Verstrahlung in Deutschland gibt. Das bleibt leider unberücksichtigt, weil nicht direkt nachvollziehbar.
    Schöne heile grüne Welt ! Öko ist doch eher was für den Wohlstandsbürger. Der Arme kauft nicht Bio, sondern Lidl!

    Die anderen EU-Staaten verhalten sich m.E. vernünftiger. Erst mal die alternative Stromversorgung sichern und dann Atomstrom abschalten, auch wenn es noch ein bißchen dauert. So haben es einst auch die Grünen selbst gesehen, als sie kulantere Ausstiegszeiten festsetzten. Frau Merkel möchte wohl Grüner als die Grünen wirken. Anders kann ich mir ihren hysterischen Atom-Blackout nicht erklären.
    Solarfirmen gehen hier zu Lande reihenweise pleite, die Stromverteilung klemmt, Windenergie läßt sich im Augenblick aufgrund fehlender Leitungen nicht angemessen verteilen. Die Beseitigung dieser Mißstände wird teuer.
    Und dass der grüne Strom von Menschen mit sozialer Ader erzeugt wird, glaube ich auch nicht. Die haben letztendlich auch nur den Profit im Sinn und werden den (teuren) Strom nicht verschenken.

  • Bzgl. der Versorger gibt es einen Denkfehler! Diese sind nicht in erster Linie "Versorger" sondern sie sind Profit-orientierte Unternehmen. Ihr Ziel ist nicht, uns mit Energie zu versorgen, ihr Ziel ist der Profit, ganz egal wie dieser zustande kommt.

    Mit dem EEG ist es in Deutschland seit nun über 10 Jahren möglich, Umsatz und Profite zu machen ohne auch nur einem einzigen Kunden freiwillig ein Produkt (in diesem Fall Strom) verkauft zu haben. Die Kunden müssen "erneuerbaren" Strom (indirekt über die Netzbetreiber) kaufen, ob sie diesen wollen oder nicht, ganz egal wann dieser geliefert wird, und in welcher Menge - er muss abgenommen werden, und zwar zu einen Vielfachen des normalen Marktpreises für den Strom.

    Für die großen Versorger sind damit nur die bisherigen Investitionen in konventionelle Kraftwerke ein Nachteil, es spricht aber nichts dagegen daß die Großen sich auch an den unbegrenzt abgreifbaren EEG-Subventionen sanieren. Theoretisch könnten RWE, e.ON und EnBW alle ihre Kraftwerke verkaufen und nur noch Solar und Windanlagen betreiben - ihre Profite wären damit zu 100% durch Zwangs-Zahlungen der Stromkunden finanziert, was die Anleger sicherlich nicht besonders stören würde.

    Das EEG ist ein Verbrechen gegen die Marktwirtschaft, ein Verbrechen gegen unsere wirtschaftliche Freiheit.

  • Die großen Versorger haben 2010 eben noch ein großes Eigentor geschossen,indem sie den Ausstieg aus dem Ausstieg mit aller Macht forderten und auch bekamen.Viele haben das zum Glück nicht vergessen.Wäre es nach den großen Versorgern gegangen hätten sie uns ihren Atomstrom bis zum Sankt Nimmerleinstag verkauft und alle Alternativen untergraben.

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