Quartalsberichte mit Spannung erwartet
Anleger pokern auf Erholung des Chip-Geschäfts

Halbleiter-Aktien haben sich in diesem Jahr überraschend als Renner an den internationalen Aktienmärkten erwiesen. Auch die deutschen Chip-Titel legten eindrucksvoll zu. So verdoppelte sich der Kurs von Infineon seit Februar nahezu, und die Aktie des Halbleiter-Ausrüsters Aixtron kletterte von gut zwei auf 4,80 Euro. Doch es drohen Rückschläge.

DÜSSELDORF. Noch werden die Kurse in erster Linie von der Hoffnung auf eine Erholung des Marktes getrieben. Doch die Anzeichen für eine tatsächliche Besserung mehren sich: Die Marktforscher von IC Insights prognostizieren für 2003 ein Umsatzplus der Halbleiterindustrie von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 2004 und 2005 seien gar Wachstumsraten oberhalb von 20 Prozent realistisch, erwartet das Forschungsinstitut Gartner. Hoffnung verbreitet auch eine Umfrage von Goldman Sachs unter US-Konzernen. Diese ergab, dass die Unternehmen für 2004 wieder höhere Ausgaben für Informationstechnik (IT) planen.

Thorben Geise von der WGZ-Bank geht davon aus, dass Halbleiter-Aktien den Boden gefunden haben. „Ich denke, dass wir die Tiefstände gesehen haben“, sagt der Analyst. Er setzt vor allem auf eine Erholung der Chippreise. Seit dem Tiefstand im Februar stieg der Preis für Speicherchips (DRAM) um mehr als 40 Prozent auf über 4 Dollar. „Das sind gute Nachrichten. Für die Unternehmen ist der Chippreis der Hebel, um endlich wieder Geld zu verdienen“, gibt sich Geise optimistisch. Er rechnet damit, dass der DRAM-Preis bald über die Schwelle von 4,50 Dollar steigen wird, bei der Schätzungen zufolge die Herstellungskosten gedeckt werden.

Von den steigenden Chippreisen dürfte vor allem Infineon, Europas größter Hersteller von DRAM-Halbleitern profitieren, erwartet Geise. Die Aktie der Münchener bewertet er daher mit „Akkumulieren“. Im Vergleich zu den Wettbewerbern sei Infineon trotz der jüngsten Kursgewinne noch unterbewertet. „Allerdings hängt vieles vom Ausblick ab, den der Vorstand für das zweite Halbjahr geben wird“, sagt Geise. „Dieser muss schon positiv sein; mit einem moderaten Ausblick wird sich der Markt nicht zufrieden geben.“ Bei einer optimistischen Prognose könne die Aktie aber sein Kursziel von zwölf Euro übertreffen.

Thomas Becker, Analyst bei HSBC Trinkaus & Burkhardt teilt diesen Optimismus nicht. Er rät dazu, den Infineon-Anteil im Depot vorerst zu reduzieren. Die Aktie sei zuletzt überaus gut gelaufen, ohne dass der Kursanstieg durch einen anziehenden Halbleiter-Markt bestätigt worden sei. Auf mittlere Sicht erwartet aber auch Becker einen Aufschwung: „Wir sind bereits in einem neuen Zyklus, der 2004 oder 2005 seinen Höhepunkt erreichen sollte.“ Welche Intensität und Länge der Aufschwung aufweisen werde, sei jedoch noch unklar. „Alles hängt von den Endmärkten und hier insbesondere vom PC-Markt ab.“ Dieser nimmt rund 45 Prozent der Nachfrage nach Halbleitern auf. „Um ihre Produktivität zu sichern, müssen die Unternehmen ihre Computer langsam mal wieder austauschen“. Allerdings erwartet Becker, dass die Ersatzkäufe zunächst moderat zulegen und sich bis 2004 dann beschleunigen werden.

Die hohen Kurse der Halbleiterhersteller bergen nach Ansicht des HSBC-Analysten erhebliches Rückschlagpotenzial: „Die Anleger pokern bei den Chipwerten auf ein starkes zweites Halbjahr. Diese Spekulation haben wir aber auch in den beiden Vorjahren gesehen, und da ist sie nicht aufgegangen. Noch gibt es leider zu wenig fundamentale Anzeichen dafür, dass das in diesem Jahr anders sein wird.“

Die Analysten der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) befürchten, dass die Folgen der SARS-Krise und des Irak-Kriegs sowie der schwache Dollar für „unliebsame Überraschungen“ sorgen könnten, wenn die Unternehmen ihre neuen Quartalsergebnisse vorlegen. Halbleiteraktien empfehlen sie daher nur risikobereiten Anlegern.

Bis zum Jahresende dürften die Titel allerdings zu den Branchen gehören, die den Gesamtmarkt „deutlich outperformen werden“, heißt es in einer LRP-Studie. Ratsam sei es, die Sommermonate zum Aufbau von Anfangspositionen zu nutzen und diese dann bei positiven Nachrichten aufzustocken. Zu den Favoriten der LRP-Analysten zählen Infineon und der Tec-Dax-Wert Elmos Semiconductor. Dagegen bewerten sie den Chipausrüster Aixtron, der erst mit Verspätung auf ein Anziehen der Industrie reagieren werde, derzeit mit „Underperformer“ (unterdurchschnittlich).

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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