Ranking: Otto ist vorbildhaft - Berichte für Kunden und Investoren wichtig - Nachgefragt: BASF und Adidas
Zu wenig Unternehmen berichten über Nachhaltigkeit

Deutsche Unternehmen erwarten, dass ökologische und soziale Aspekte zunehmend in Geschäftsberichte integriert werden. Viel häufiger noch würden künftig Nachhaltigkeitsberichte um ökonomische Aspekte erweitert und zu umfassenden Unternehmensberichten ausgebaut.
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Das ergab eine Umfrage des unabhängigen Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und des Unternehmensverbandes future e.V. unter den 150 größten Unternehmen. Gestern Abend erhielt das einzige mit einem solchen Unternehmensbericht, die BASF, den dritten Preis des IÖW-future-Rankings deutscher Nachhaltigkeitsberichte 2007.

Zum Sieger kürten die Berliner Wissenschaftler Versandhaus Otto. Der zweite Preis ging an RWE. "Ein guter Bericht erläutert Ziele und Maßnahmen, mit denen ein Unternehmen zur Nachhaltigkeit beiträgt. Glaubwürdig ist er, wenn er Zielkonflikte benennt und sagt welche Nachhaltigkeitsziele verfehlt wurden, warum das so war und was getan werden soll", sagte Volker Hauff, Vorsitzender des Rats für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung, der das Ranking fördert.

Nur 57 Unternehmen veröffentlichten bewertbare Berichte, vier mehr als 2005. „Es besteht ein erheblicher Nachholbedarf. Unternehmen machen sich angreifbar, wenn sie Kunden, Investoren und anderen Interessengruppen Basisinformationen vorenthalten“, sagt IÖW-Leiter Thomas Korbun. Die Integration in Lageberichte sei zu rudimentär. „Die Praxis zeigt, dass Investoren deutlich mehr wissen wollen, weil Lageberichte Risiken und das Management derselben nicht adäquat abbilden“, bestätigt Johannes Merck, Direktor Umwelt- und Gesellschaftpolitik von Otto.

Vermögensverwalter wollen darum Nachhaltigkeitsberichte, ergab eine Umfrage unter den 98 größten Fondsgesellschaften im deutschsprachigen Raum durch die Finanzkommunikationsagenturen CAT und WHF. Diese kritisierten, es gebe zu wenig Berichte und unter den 122 vorhandenen kaum ernsthafte.

„Ottos Bericht zeichnet sich aus, weil er die sehr ambitionierten Ziele, Maßnahmen, den Status, die Leistungen und die Zielerreichung ausführlich, strukturiert, differenziert und selbstkritisch dar“, lobt Jana Gebauer vom IÖW. Das Unternehmen räume auch Nicht-Erreichtes klar ein. Das unterscheidet es stark von den meisten Firmen, die diesen Mut nicht aufbringen. „Wahrhaftige Berichte, messbare Ziele und Überprüfbarkeit sind unverzichtbar, um glaubwürdig Transparenz für Kunden und Investoren herzustellen. Auch börsennotierte Unternehmen können und müssen das tun“, sagte Merck dem Handelsblatt. Vertuschten sie Schwächen, sei das kritischer als bei Familienunternehmen.

Fokus des Versandhändlers ist die Bekämpfung sozialer Probleme in der Lieferkette. Anders als viele Berichte, die über Schlagworte nicht hinaus gingen, beschreibe Otto konkret, was getan werde, sagt Gebauer. „Die Berichterstattung zur Lieferkette ist allgemein etwas besser geworden, aber sowohl hinsichtlich sozialer und ökologischer Aspekte noch stark ausbaubedürftig“, kritisiert sie. Bei Bekenntnissen zur Corporate Social Responsibility (CSR), der gesellschaftlichen Verantwortung, fehlten oft konkrete Strategien, Handlungsansätze sowie Ergebnisse nachhaltiger Managementsysteme.

RWE hebe sich durch eine solide, sehr strukturierte Berichterstattung zu allen relevanten Aspekten und Kernthemen wie Klima, Antikorruption, Chancengleichheit und Artenvielfalt hervor, urteilt Gebauer. Der Konzern spreche kritische Punkte wie Korruption recht freimütig an.

Das Beispiel RWE verdeutlicht aber auch, dass gute Berichterstattung nicht gleich zu setzen ist mit realen Leistungen, geschweige denn einem nachhaltigen Kerngeschäft. RWE ist laut Ökoinstitut größter europäischer Emittent von Treibhausgasen.

Die 50 zunehmend anspruchvollen Kriterien des seit 1994 bestehenden Ratings werden anderes als bei vielen Rankings transparent gemacht und im Dialog mit Firmen weiterentwickelt. Die Qualität der bewerteten Berichte stieg leicht, bei einigen Firmen aber stark, darunter Bayer und Hochtief. Neueinsteiger WestLB landete auf Anhieb ganz oben.

Hochtief ist das erste Bauunternehmen mit einem solchen Bericht. „Er unterstützt bei der Akquisition, denn für immer mehr Kunden spielt Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Ein gutes Ranking hilft“, sagt Lisa PR-Chefin Zindler-Roggow dem Handelsblatt. Investor Relations nutze das Thema bei Präsentationen für Investoren. Vorjahressieger Henkel landete auf Rang 14. Die Beurteilungen würden ausgewertet, sagte das Unternehmen.

Informationsloch

Internet:

Es gebe zu wenig Onlineberichterstattung zur Nachhaltigkeit, sagt das IÖW. Sehr gut verknüpfte RWE den gedruckten Bericht mit dem Internet. Die Universität Lüneburg stellte kürzlich fest, dass Dax30-Konzerne immer mehr im Internetz über Nachhaltigkeit berichten, aber dass sie viele Möglichkeiten ungenutzt ließen, zum Beispiel den direkten Dialog mit Interessengruppen.

CSR:

Einige CSR-Berichte verfehlen das Thema. So widmet die Dresdner Bank 40 Seiten der Kunst- und Kulturförderung und nur drei Seiten der Umwelt - ohne mit einem Wort auf das Kerngeschäft einzugehen. Die Bank hat bürgerschaftliches Engagement, Corporate Citizenship, mit CSR und verantwortlichem Wirtschaften verwechselt, obwohl sie hier einiges zu bieten hat.

Sechs Fragen an Lothar Meinzer, Leiter des Sustainability Centre der BASF AG

BASF stieg von Rang 13 auf Rang drei des IÖW-Rankings. Was haben Sie dafür investiert?

Viel, aber nicht zwecks besserer Bewertung, sondern für einen besseren Bericht. Unser Hauptbemühen ist die Integration von Nachhaltigkeit in das Geschäft, weil sie dafür wichtig ist. Nachdem wir darum zunächst die klassische Dreiteilung überwanden, indem wir Geschäfts-, Umwelt- und Sozialbericht zum Unternehmensbericht fusionierten, haben wir ihn nun nach Interessengruppen und den für sie bedeutsamen Themen gegliedert. Das war sehr aufwändig und wird es auch künftig bleiben.

Haben Sie die Hinweise der Wissenschaftler von 2005 genutzt?

Ja, wir werten das IÖW-Ranking systematisch aus und finden es hilfreich, dass Kriterien und Bewertungen transparent gemacht werden. Die Ergebnisse flossen und fließen in die Berichte ein. So gab uns ihre Empfehlung einer stärkeren Zielgruppenorientierung einen weiteren Impuls, in diese Richtung zu gehen.

Arbeitszeitmodelle und Gleichstellung aber werden nicht ausführlich behandelt. Werden Sie die Kritik dazu nächstes Mal berücksichtigen?

Es besteht ein grundsätzliches Dilemma: Wir haben 2006 darüber ausführlich berichtet - sollten wir das nun wieder tun oder neuere Aspekte hervorheben? Künftig werden wir in solchen Fällen mehr auf die Online-Berichterstattung verweisen.

Was wollen Sie selbst verbessern?

Wir wollen die Integration weiter voran treiben und die Kritik beachten, dass durch die Veröffentlichung von Unternehmens- und Finanzberichts doch eine Trennung besteht. Zudem wollen wir die Zielgruppenorientierung stärken, denn zahlen- und faktenreiche Berichte sind gut, sprechen aber viele Leser nicht an. Drittens wollen wir die Onlineberichterstattung ausweiten und besser mit dem Print-Bericht verzahnen.

Nutzen Investoren Ihren Bericht?

Ja, wir erhalten das ganze Jahr über Anfragen von Analysten und Investoren zu Berichtsinhalten und vertiefenden Informationen.

Bei nachhaltigem Wirtschaften kommt es auf das Kerngeschäft an. Was haben Sie 2007 erreicht und was planen Sie für 2008?

Unser Schwerpunkt war, Nachhaltigkeit systematisch in das Geschäft mit Kunden zu integrieren. Erst haben wir eine umfassende Kundenanalyse gemacht, um die Bedürfnisse zu erkennen. Dann haben wir eine Geschäftseinheit gebildet für nachhaltige Service- und Kooperationsaktivitäten: von der Abwasserberatung beim Kunden über Ökoeffizienzanalysen ihrer Produkte bis zu strategischen Projekten wie gemeinsame Produktentwicklung und Erschließung neuer Märkte. Das war für uns ein riesiger Schritt vorwärts. In Europa sind bereits ein Dutzend neuer Projekte initiiert worden. Dieses Geschäft wollen wir 2008 ausbauen und weitere Projekte starten, auch in anderen Erdteilen.

Fünf Fragen an Frank Henke, Verantwortlicher für Nachhaltigkeit der Adidas AG

Adidas rutschte von einer sehr guten Bewertung auf Rang 17 des Rankings deutscher Nachhaltigkeitsberichte. Woran liegt das?

Wir können die Bewertung nicht nachvollziehen, da wir Umfang und Intensität der Berichterstattung nicht verändert haben. 2006 lag der Fokus des gedruckten Berichts zwar stark auf Fußball, aber auf der umfassenden Webseite haben wir die sonstigen Informationen geliefert und im Bericht darauf verwiesen.

Verbesserungsbedarf sieht das IÖW bei Rohstoff- und Materialeinsatz, Abfall, Wasser. Plant Adidas künftig mehr Transparenz?

Bei dem Thema orientiert sich das IÖW an den Richtlinien der Gobal Reporting Initiative (GRI), die aber nicht zu unserem Geschäftsmodell passen. Unsere größten Umweltauswirkungen entstehen in der Beschaffungskette. Darauf konzentrieren wir uns und sind weiter als die meisten Wettbewerber. So veröffentlichen wir online die kumulierten Umweltauswirkungen von 97 Prozent der Schuhzulieferer. Die Erfassung der Umweltleistungen an eigenen Standorten kann aber präzisiert werden, schon um aus Kostengründen Ziele und Programme zum Energiesparen zu entwickeln. Dieses Jahr haben wir ein Indikatorensystem für alle Standorte im Besitz der Adidas-Gruppe aufgebaut und werden 2008 über die erfassten Umweltwirkungen berichten.

Wollen Sie beim nächsten Ranking besser abschneiden?

Wir wollen unsere Leistungen bei der Berichterstattung verbessern, werden die Hinweise des IÖW wie auch andere externe Empfehlungen aufnehmen, aber nicht unsere Programme ausschließlich nach einer bestimmten Art von Berichten ausrichten. Der gedruckte Bericht im März 2008 wird sich an Konsumenten und Beschäftigte wenden, um sie zu informieren und zu sensibilisieren. Der umfassende GRI-Bericht erscheint online. Es ist unsinnig, jährlich dicke Berichte zu drucken, die wichtige Zielgruppen nicht lesen.

Wie soll Ihr Kerngeschäft 2008 zu mehr Ressourcenschutz beitragen?

Erstens wollen wir die Energieverbräuche bei Zulieferern verbessern und die sozialen und ökologischen Leistungsanforderungen auf weitere Hauptlieferanten ausdehnen. Zweitens bringen wir im Februar 2008 im mittleren und Hochpreissegment die Kollektion ‚adigrün’ auf den Markt, die aus organischen und recycelten Materialien besteht. Drittens setzen wir uns nicht nur für organisch angebaute Baumwolle ein, sondern auch für die Better Cotton Initiative, die u.a. in Indien und Pakistan durch Training der Bauern den hohen Wasserverbrauch reduzieren will. Sobald das Verfahren greift, werden wir Abnehmer und quantitative Ziele dafür formulieren, voraussichtlich 2009.

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