Reaktion nach Anschlägen
Tourismusaktien erholen sich

Terroranschlag in London, Bomben in der Türkei: Was die Reiseindustrie bis vor wenigen Jahren in Angst und Schrecken versetzte, ist im Sommer 2005 traurige Routine geworden: Dass sich Bomben wie am vergangenen Wochenende im ägäischen Küstenort Kusadasi oft gezielt gegen den Tourismus richten, sorgt die Urlaubskonzerne zwar. In Panik verfallen deren Manager aber nicht mehr - weil auch die Urlauber gelernt haben, mit dem Terror zu leben. Auch die Börse reagierte nur kurz.

FRANKFURT. Die Bombenanschläge in London und der Türkei haben den Sektor der Tourismusaktien nur kurzfristig belastet. Die Menschen akzeptierten inzwischen, dass das Lebensrisiko durch Terrorakte rund um den Erdball größer geworden sei, heißt es beim Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalterverband (DRV). Nach den Anschlägen in New York 2001, auf Bali 2002 oder im Vorjahr in Spaniens Hauptstadt Madrid macht sich allmählich ein Gewöhnungseffekt breit, der an den positiven Buchungszahlen der Branche abzulesen ist: Ob Tui, Thomas Cook, Rewe-Touristik oder Alltours: Deutschlands führende Reiseunternehmen vermelden nach Jahren der Krise durchweg steigende Buchungseingänge für die laufende Sommersaison.

Bereits nach den Anschlägen von Madrid im März 2004 habe es keinen Buchungseinbruch bei wichtigen Zielen mehr gegeben, sagte ein Tui-Sprecher. Die Reaktionen auf die London-Attentate zeigen erneut: Das Geschäft läuft normal weiter - allen Terrorsorgen zum Trotz. So konnten Luftfahrtkonzerne wie British Airways oder Lufthansa ihre Flugpläne an jenem Tag, als in der britischen Hauptstadt die Bomben detonierten, fast ohne Änderungen durchziehen. Von der Möglichkeit, die Flüge nach London kostenlos umzubuchen, hätten auch tags darauf nur wenige Kunden Gebrauch gemacht, hieß es bei Lufthansa.

Die Tui hat ebenfalls kaum wirtschaftliche Blessuren davongetragen - anders, als es die Börse zunächst vermutete: Den kurzen Schwächeanfall der Tui-Aktie, die an jenem 7. Juli zeitweise um acht Prozent einbrach, hatten Analysten ohnehin als "irrational" bezeichnet. Europas größter Reisekonzern macht sein Geschäft in erster Linie mit Strandurlaubern und nicht mit Städtereisenden. Als Heimat des konzerneigenen Reiseveranstalters Thomson Travel ist Großbritannien zwar ein wichtiger Markt für die Tui. Eine plötzliche Zurückhaltung im Reiseverhalten der Briten kann die Branche aber nicht erkennen.

Mit kurzer Verzögerung reagierten die Tui-Aktien entsprechend und bauten ihre terrorbedingten Einbußen schnell wieder ab. Inzwischen notieren sie wieder höher als vor dem Tag des Terrors in London. Auch das jüngste Bombenattentat in der Türkei nahm gestern kaum Einfluss auf die Börsenkurse der Touristiker: Tui notierten fast unverändert bei 21,20 Euro - unweit des 52-Wochen-Hochs.

Experten halten den Aufwärtstrend der Aktie nach dreieinhalb Jahren Tiefflug für begründet: Wegen höherer Buchungszahlen und einer positiven fundamentalen Entwicklung im laufenden Jahr sei die Tui-Aktie noch "deutlich unterbewertet", sagte Per-Ola Hellgren, Analyst der Landesbank Rheinland-Pfalz. Das Kursziel gibt er mit 23 Euro an. Vorstandschef Michael Frenzel hatte im Mai betont, dass die gebuchten Umsätze für die Sommersaison 2005 gut zehn Prozent im Plus lägen. Der Tui-Rivale Thomas Cook (u.a. Neckermann, Condor) teilte mit, die Gästezahlen lägen im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls um 9,8 Prozent im Plus. An Thomas Cook halten Karstadt Quelle und Lufthansa je 50 Prozent der Anteile.

Bei Europas führenden Fluggesellschaften ist derzeit weit weniger Optimismus angesagt. Zwar beteuern alle Wettbewerber, der Terroranschlag in London habe auch ihre Geschäfte nicht beeinträchtigt. Die Stimmung in der Branche ist aber auch ohne weiteren Dämpfer trist genug: Die weltweit steigenden Passagierzahlen sind nur auf den ersten Blick beruhigend. Das Wachstum geht einher mit Ticketpreisen, die sich Airlines auf Dauer nicht leisten können. Zu dem anhaltenden Preisdruck der expandierenden Billigflieger kommen auf der Kostenseite Rekordaufwendungen für Kerosin, die der ohnehin chronisch defizitären Industrie noch mehr zusetzen.

Aktien von Fluggesellschaften werden deshalb an der Börse weiter gemieden: Lufthansa pendeln seit Monaten in einer engen Spanne zwischen zehn und elf Euro - ohne die Aussicht auf schnelle Besserung.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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