Rezessionsangst
Konjunktur bestimmt Börse

Die Kursausschläge der letzten Tage zeigen: Volkswirtschaftliche Daten bewegen die Aktienmärkte wie seit Jahren nicht mehr. Das Börsenumfeld ist so undurchsichtig, und die Prognosen über eine mögliche Rezession so unsicher, dass die starken Kursschwankungen wohl weitergehen werden.

FRANKFURT. Die jüngsten heftigen Kursausschläge an den internationalen Aktienmärkten zeigen ein deutliches Bild: Konjunkturdaten rücken immer stärker in den Blickpunkt des Anlegerinteresses und drängen dabei zumindest kurzfristig viele Fundamentaldaten von Unternehmensseite in den Hintergrund. „Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA steht weiterhin 50:50. Wenn dann, wie in den letzten Tagen, hintereinander Konjunkturdaten mit völlig gegenläufiger Tendenz kommen, dann führt das zu Ausschlägen wie zuletzt“, sagt Stefan Schilbe, Chef-Volkswirt bei HSBC Trinkaus.

In der Tat führten beispielsweise am Freitag US-Arbeitsmarktdaten, die zumindest teilweise besser als erwartet ausfielen, zu einem spürbaren Kursplus. Als am Dienstag jenseits des Atlantiks der viel beachtete ISM-Index für das nicht verarbeitende Gewerbe einen Rückgang der Wirtschaftskraft in dem bedeutenden Sektor zeigte, kam es zum kräftigen Rückschlag in die andere Richtung.

Im Hinterkopf spielt dabei in diesem undurchsichtigen Umfeld stets das Schreckgespenst „Inflation“ eine dominierende Rolle. Während die eine Seite der Experten hierbei den Teuerungsgipfel vor dem sich eintrübenden konjunkturellen Umfeld bereits als erreicht betrachtet, sieht eine zahlenmäßig etwa gleichstarke Gruppe gerade vor dem Hintergrund anziehender Energie- und Rohstoffpreise noch längst kein Ende der Fahnenstange erreicht. „Welches Lager letztendlich recht behält, könnte nach bisheriger Erfahrung auch für Aktienanleger erhebliche Bedeutung besitzen“, sagt Stefan Rausch von der Helaba.

Viele Börsianer werfen deswegen in letzter Zeit verstärkt einen Blick auf die Entwicklung in ähnlichen historischen Phasen. In den USA gab es seit Beginn der siebziger Jahre sechs vergleichbare Phasen, in Europa nur drei. „Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich europäische Dividendenpapiere in den letzten gut 30 Jahren im Phasen fallender Inflationsraten deutlich besser entwickelten als in Phasen steigender Teuerung“ sagt Rausch.

Ein Kursplus von 18 Prozent steht dabei einem Verharren auf der Stellen bei Preissteigerungen gegenüber. Ähnlich ist die Tendenz in den USA: Dort ging es nach fallende Inflationsraten um zwölf Prozent nach oben, während die Kurse bei anziehenden Preisen nur um zwei Prozent gestiegen sind.

Wegen des insgesamt noch immer sehr unausgegorenen Konjunkturumfeldes und der offenen Frage, in welche Richtung die Inflationsraten in den kommenden Monaten in den USA und im Euro-Raum gehen werden, halten es die meisten Börsianer für verfrüht, Aktien schon wieder überzugewichten. „Die mittelfristige Perspektive für den Aktienmarkt wird aus strategischer Sicht weiterhin vor allem von der Verschlechterung des Makroumfeldes und dem Newsflow aus dem Bereich der Finanzwerte bestimmt“, sagt Tammo Greetfeld von Unicredit in München. Er sieht in dem jüngsten deutlichen Wachstumsrückgang der Geldmenge M1 eine erhebliche Verschlechterung des Aktienmarktumfeldes. Weil die Steigerung bei Bargeld und Sichteinlagen bei den Banken zuletzt von 6,3 Prozent auf vier Prozent zurückgegangen ist und sich eine solche Konstellation in der Vergangenheit stets als verlässlicher Frühindikator für die Entwicklung anderer Makro-Indikatoren erwies, sind die weiteren Aussichten für den Aktienmarkt seiner Ansicht nach eher verhalten. In der historischen Betrachtung ging damit auch stets ein Rückgang des Industrievertrauens einher, was wiederum zu etlichen negativen Gewinnrevisionen auf Unternehmensseite führte.

In einem sind sich indes alle Volkswirte einig: Die Zeiten starker Kursschwankungen werden anhalten. Der VDax als Gradmesser dafür stieg in den letzten Tagen auf den höchsten Stand seit dem Mai des Jahres 2003.

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