Robert Merton
„Die Kreditmärkte sind kaum aus dem Gröbsten heraus“

Robert Merton, Professor an der Harvard Business School und Träger des Wirtschafts-Nobelpreises, sieht noch viele potenzielle Risiken für die Märkte. Die Risikoprämien für Aktien seien zwar gestiegen, aber die fundamentalen Belastungen seien ebenfalls hoch. Auch attraktive Renditen am Anleihemarkt können Merton zufolge in die Irre führen.

Viele Institutionen müssen für die Krise verantwortlich gemacht werden. Deren Ursachen liegen im Platzen der Internetblase 2000, dem 11. September, der Notenbankpolitik. Dazu kommen die gestiegenen Hauspreise bis zum Top vor zwei Jahren. In diesen Komplex gehören auch Veränderungen in den Hypothekenfinanzierungen.

Künftige Krisenursachen sehe ich vor allem im klassischen Anlagemanagement. Diese Risikoquellen machen bisher aber noch keine Schlagzeilen. Da ist einmal ein möglicher Run auf Investmentfonds: Wenn immer mehr Anleger ihre Anteile verkaufen wollen, geraten die Märkte zusätzlich unter Druck, weil die Verwalter Depotbestände verkaufen müssen.

Ein anderes Risikopotenzial sind die Schäden bei Pensionskassen. Hier sind in USA auf der Aktienseite bereits zwei bis vier Billionen Dollar an Verlusten aufgelaufen. Über Pensionskassen sind Unternehmen stark in Aktien engagiert. Gefährdete Firmen wie General Motors haben nur noch minimalen Börsenwert, aber hohe zweistellige Milliardenverpflichtungen bei Pensionen.

Auch Gemeinden und Gebietskörperschaften könnten wegen ihrer Unterfinanzierung und hoher Lohnaufwendungen auf der Kippe stehen. Vor Jahren hatten wir schon Fall von Orange County in Kalifornien. Andere Risikofelder sind die gewerblichen Immobilien und weiterhin die Kreditversicherungen.

Ich bin kein Prognostiker. Die erwarteten Erträge aus Aktien sind heute höher als etwa noch vor zwei Jahren. Im Jargon heißt es: Sie haben jetzt eine hohe Risikoprämie, was sie unter diesem Blickwinkel attraktiver macht. Aber gleichzeitig sind auch die fundamentalen Belastungen zu sehen. Es gibt die Gefahr einer langen und tiefen Rezession und damit sinkendem Konsum. Die Vermögensverluste bei den Haushalten durch die Aktienstürze und die gefallenen Immobilienpreise sind groß. Und die Verbraucher haben sich auf diese beiden Vermögensformen bei der Vorsorgeplanung verlassen. Das drückt den Konsum. Bei einem weiteren Schock dürften die Aktien noch weiter fallen.

Anleihen mit Emittentenrisiko bieten attraktive Renditen. Aber auch die Gefahren sind hoch. Eine Bank setzte gerade ihre Kurserwartung für General Motors auf Null. Viele unerwartete Dinge passieren. Der weltgrößte Versicherer AIG ist gekippt, die Investmentbank Lehman nach 150 Jahren pleite gegangen. Hier erkennt man: Die Anleger sind extrem risikoscheu geworden, weil die neuen Spielregeln nicht transparent sind. Die Menschen fragen sich, warum eine AIG gerettet wird und eine Lehman Brothers nicht. Wegen der Unklarheiten halten sich die Anleger auch von den Kreditmärkten fern. Die Kreditmärkte sind daher immer noch sensibel und kaum aus dem Gröbsten heraus.

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