Rohstoffe waren einfach in Vergessenheit geraten
Kapitalanlage: Der große Irrtum

Die Zeitenwende ist da! Doch diese Wende sieht anders aus als von den Auguren während des Internet-Hypes noch vor wenigen Jahren beschrieben. Die jetzige Zeitenwende ist eine Art "Salto mortale" - sie ist eine Rückkehr zu den Ursprüngen des Industriezeitalters.

Also zu jenen Zeiten, in denen Rohstoffe in den Basisindustrien der Industriegesellschaft unter anderem dringend zum Aufbau der Infrastruktur benötigt wurden. Im dann folgenden Zeitalter der Technologie- und Informationsgesellschaft waren Rohstoffe für die Wirtschaft schließlich kein brennendes Thema mehr - schließlich gab weder die Versorgung, noch die Preisgestaltung Anlass zur Sorge. Warum also sollte sich die Welt mit dem Thema Rohstoffe beschäftigen, wo man sich doch bereits auf den Sprung in das nächste Zeitalter - in die Ära der Wissensgesellschaft - vorbereitet hat?

Auch als Kapitalanlage galten Rohstoffe über beinahe drei Jahrzehnte hinweg als verschollen. Sie waren zum einen in üppigen Mengen und zum anderen zu niedrigen Preisen verfügbar, immer mehr Aktien von Rohstoffgesellschaften verschwanden von den Kurszetteln der Börse. Wenn die Preise der Commodities dennoch kurzzeitig stiegen, weiteten die Produzenten einfach ihre Kapazitäten aus und stellten die für die Weltwirtschaft "heile Welt" mit ausreichendem Angebot und niedrigen Preisen wieder her. So simpel funktionierten die Märkte über viele Dekaden hinweg. Rohstoffe waren - obwohl in fast allen Bereichen des Lebens eine Notwendigkeit - einfach in Vergessenheit geraten. Dieser große Irrtum ist nicht so rasch zu korrigieren.

Was Rohstoffproduzenten, Rohstoffverbraucher und auch Kapitalanleger unterschätzten, war die politische und ökonomische "Revolution" in der Volksrepublik China. Allein an der schieren Bevölkerungszahl Chinas von mehr als 1,3 Milliarden Menschen hatten sich bereits Ende des vergangenen Jahrtausends gewaltige ökonomische Phantasien entzündet. Bei den meisten Rohstoffen wurde China innerhalb von nur wenigen Jahren vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur. Dass Chinas Rohstoffhunger auf einen von der Angebotsseite her völlig leer gefegten Markt traf, wurde jedoch erst spät - viel zu spät - erkannt. Seither sind sowohl Anleger als auch Banken und Regierungen wieder bereit, dringend benötigte Gelder für die Finanzierung von Rohstoffprojekten zur Verfügung zu stellen.

Das Ungleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot an den Rohstoffmärkten ist existent und wegen der Sünden der Vergangenheit auf zahlreichen Märkten nicht so rasch zu beseitigen. Preisexzesse werden daher auf verschiedenen Märkten weiter für Unruhe sorgen. Rohstoffen gehört also die Zukunft - zunächst einmal zumindest für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Die Rohstoffhausse - vor allem der starke Ölpreis - gefährdet den Aufschwung. Auch deshalb, weil die Wirtschaft der Bedeutung der Steuerung von Rohstoffrisiken zu wenig Beachtung geschenkt hat und zudem hierfür ein nur unzureichendes Instrumentarium zur Verfügung steht. Aus Sicht der Anleger erscheint wichtig, dass Banken und Börsen das Instrumentarium für direkte und indirekte Investments in die Anlageklasse Rohstoffe erheblich verbreitert haben.

Quelle: Handelsblatt Nr. 236 vom 03.12.04 Seite b01

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