Scott Minerd im Interview: „Die Chance, ohne Inflation davonzukommen, ist gering“

Scott Minerd im Interview
„Die Chance, ohne Inflation davonzukommen, ist gering“

Die Notenbanken spielen ein gefährliches Spiel, meint Scott Minerd, Chefstratege von Guggenheim Partners. Der Ausweg: ein Goldstandard durch die Hintertür. Dadurch könnte der Goldpreis auf 10.000 Dollar steigen.
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Handelsblatt: Herr Minerd, Sie sehen auf die Notenbanken große Probleme zukommen, wenn die Zinsen irgendwann wieder steigen. Warum?

Scott Minerd: Die Fähigkeit einer Notenbank, Preisstabilität herzustellen, basiert auf ihrer Fähigkeit, die Geldversorgung der Wirtschaft herauf- oder herunterzufahren. Und die Frage ist, ob die Notenbanken noch in der Lage sind, dem Markt Geld zu entziehen, wenn die Zinsen einmal anfangen zu steigen.

Wo liegt das Problem?

Ein Weg für eine Notenbank, Geld aus dem Markt abzuziehen, ist der Verkauf von Anleihen. Wenn aber die Zinsen steigen, fällt der Wert der Anleihen in den Büchern etwa der US-Notenbank Fed. Die Frage ist also: Sind diese Papiere dann noch genug wert, um ausreichend Geld abzuziehen?

Können Sie das illustrieren?

Wenn die Zinsen nur um einen Prozentpunkt steigen, würde dies den Wert der Anleihen in der Bilanz der Fed um rund acht Prozent oder 200 Milliarden Dollar reduzieren und das gesamte Eigenkapital der Fed auffressen.

Und was würde dann passieren?

Auf den ersten Blick würde man meinen, die Fed würde dann Kapital von der Regierung bekommen. Aber dann stellt sich die Frage: Wo nimmt die Regierung das Geld her? Sie müsste Anleihen begeben. In dem Szenario, über das wir reden, würde dies aber die Anleihekurse weiter belasten und die Fed weiter in Probleme bringen.

Aber die herrschende Meinung ist doch, dass das Kapital einer Notenbank keine große Rolle spielt, weil sie immer Geld drucken kann?

Korrekt. Aber dieses Argument zieht nur so lange, wie das wirtschaftliche Umfeld das Drucken von Geld erlaubt. In einem Umfeld, in dem man dem Markt Geld entziehen will, um die Inflation zu bekämpfen, sieht das aber anders aus.

Ist die Inflation programmiert?

Ich denke, die Chance, dass wir ohne deutlich höhere Inflation auskommen werden, ist sehr gering. Derzeit muss man annehmen, dass die Industrieländer in den nächsten 20 Jahren eine höhere Durchschnittsinflation erleben werden als in den 1960er- und 1970er-Jahren.

Wie könnten die Notenbanken gegensteuern?

Die Fed zum Beispiel könnte hingehen und ihre Assets dramatisch wertvoller machen, indem sie den Goldpreis noch oben zieht. Würde sie etwa den Goldpreis bei 10.000 Dollar je Unze festlegen, dann wäre das Gold in den Kellern der Fed wertvoll genug, um jeden im Umlauf befindlichen Dollar zu decken.

„Man wäre dumm, jetzt nicht in Gold zu investieren“

Wie würde die Fed das machen?

Der Preis würde schlicht auf dieses Niveau steigen, wenn die Fed erklären würde, dass sie bereitsteht, jede ihr angebotene Unze zu diesem Preis zu kaufen. Warum sollte dann jemand eine Unze zu einem anderen Preis verkaufen?

Was bedeutete das für Europa?

Länder wie Italien könnten der EZB mit einem Schlag genügend Sicherheiten für Hilfsgelder bieten, weil die Goldbestände der Italiener plötzlich viel mehr wert wären. Die Fed kann den Euro also mit ihrem Gold retten.

Wenn die Fed das nicht macht, wie entwickelt sich der Goldpreis?

Gold hat sich in den vergangenen Jahren stetig um 15 Prozent im Jahr verteuert. Der Trend kann angesichts der steigenden Nachfrage nach Gold als Vermögensspeicher anhalten.

Was empfehlen Sie Ihren Kunden?

Man wäre dumm, jetzt nicht in Gold zu investieren. Aber man sollte es auch nicht übertreiben. Ich sage meinen Kunden immer, zehn bis 20 Prozent des Vermögens können in Gold investiert sein. Außerdem sollte man den Anteil, den man klassischerweise in Anleihen hat, in variabel verzinsten Papieren anlegen. Und Aktien sind attraktiv.

Auch europäische Aktien?

Auf jeden Fall. Wir kaufen wieder europäische Aktien. Wir haben vor ein paar Wochen damit begonnen, für Kunden wieder in Europa zu investieren, vor allem in Aktien von Italien, Spanien und Deutschland.

Italienische und spanische Aktien?

Ich denke, jetzt muss man italienische und spanische Aktien kaufen. Die Politik der EZB unterstützt diese beiden Länder. Spanische Aktien sind heute ungefähr so bewertet wie die amerikanischen Börsen auf dem Tiefpunkt während der Finanzkrise. Italienische Aktien sind sogar noch billiger.

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  • Ja genau da haengt das Problem fuer mich: ich habe eine Behinderung und bin auf meine Berufsunfaehigkeitsversicherung angewiesen. Ich werde durch diese Politik enteignet und finanziell in den Abgrund getrieben. Ich finde das unerhoert, kann mich aber schlecht wehren.
    Schaeuble gehoert einmal seine fette Pension gestrichen und alle Zuwaechse fuer die Zukunft, damit er mal merkt wie das ist. Und zu Draghi oder Bernanke sage ich besser gar nichts. Einfach schrecklich.

    Ich bin total schockiert.

  • Wie wollen die zum Goldstandard zurückkehren bei ihrem Handelsbilanzdefizit ???? Dann könnte man ja wieder Öl mit Gold handeln. Wie gleichen die aber ihr Handelsdefizit aus ???? Gold mit Wolfram strecken?

  • @Pigou
    Sollte die FED per Goldverkauf dem Markt die Liquidität entziehen wollen, dann besorgt sie sich vorher welches, ob nun durch Preisdumping oder Verunsicherung per Goldverbot. Sicherlich werden ein paar Helden einem Goldverbot Widerstand leisten, aber was machen die, die es tonnenweise bunkern? Sie geben es gegen wenige Dollars brav bei der FED ab, falls sie es nicht irgendwie ins Ausland bringen können.
    Wenn es Ziel ist, dem Markt Geld zu entziehen, wirft man dann welches durch Ankauf von Gold zu überhöhten Preisen auf die Straße?

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