Seit der Yukos-Affäre sind die Kurse deutlich gestiegen – Analysten sehen günstige Einstiegschancen
Russlands Börse nimmt wieder Fahrt auf

Die Aufregung über die Yukos-Affäre und die Verhaftung des Konzernchefs Michail Chodorkowskij hat sich gelegt. Der russische Aktienmarkt glänzt seit Mitte November wieder mit Gewinnen, ist aber von seinen diesjährigen Höchstständen noch ein gutes Stück entfernt. Die Yukos- Aktie hatte den ganzen Markt mit nach unten gezogen. Doch Analysten sehen gute Chancen, dass es noch weiter nach oben geht.

MOSKAU/DÜSSELDORF. Laut Leila Kardouche, Managerin des Schroder ISF Emerging Europe Fund, wird sich auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten zeigen, dass angesichts der „langfristigen Verpflichtung Russlands zu Reformen und freien Märkten“, die „gegenwärtige Situation eine Kaufgelegenheit geboten hat“. Bis zur Präsidentenwahl im März 2004 erwartet sie allerdings, dass der russische Aktienmarkt volatil bleiben wird. Mit Blick auf die an diesem Wochenende anstehende Duma-Wahl, aus der Präsident Wladimir Putin gestärkt hervorgehen dürfte, könne es kurzfristig auch eine „Erleichterungsrally am Aktienmarkt“ geben. Die Wahl der Staatsduma am Sonntag gilt vor allem als Stimmungstest für Putin.

Florian Fenner, Fondsmanager bei der Moskauer Investmentbank UFG, hebt zudem hervor, dass sich der russische Markt von allen politisch motivierten Rückschlägen im Zuge der Yukos-Ermittlungen bisher immer wieder erholt hat und derzeit „ein richtiger Bullen-Markt“ sei. Ein zu erwartendes Wirtschaftswachstum von 8 %, weiter steigende Devisenreserven und die gemessen am Manager-Vertrauens-Index der Moscow Narodny Bank verbesserte Zukunftsaussicht seien alles „positive Fakten, die für ein Investment in Russland sprechen“.

Auch Angelika Millendorfer, Senior Fondsmanagerin bei Raiffeisen Capital Management in Wien, ist vorsichtig optimistisch. Auf Sicht einiger Monate habe der russische Markt zwar noch Potenzial von etwa 10 %. Allerdings habe er sich bereits deutlich von den Rückschlägen durch die Yukos-Affäre erholt. Auf dem aktuellen Niveau ist sie daher „vorsichtig mit Zukäufen“. Einige der Titel seien schon zu teuer. Als Resultat aus den Geschehnissen um Yukos erwartet sie, dass die „Steuerbelastung der Ölunternehmen generell steigen wird“. Denn in der Vergangenheit hätten gerade die Ölgesellschaften „Steuerschlupflöcher ausgenutzt“.

Millendorfer gefällt nach wie vor der russische Mobilfunksektor. Die Quartalszahlen zeigten, dass dieser Bereich „enorm stark wächst“. Skeptischer ist sie mit Blick auf die Rohstoffunternehmen, insbesondere im Metallsektor. Die höheren Rohstoffpreise seien in den Kursen bereits voll enthalten.

Diese Einstellung wird von anderen nicht geteilt. So setzt Fenner auf die Aktien des Gasgiganten Gazprom und des Edelmetallproduzenten Norilsk Nickel: „Gegenüber der kanadischen Konkurrenz hat Norilsk mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 7 gegenüber 18 bei den Nordamerikanern noch einen richtig schönen Russland-Discount.“ Zudem investiere Norilsk gerade in Goldminen – der Goldpreis steigt. Auch das Institut Brunswick UBS setzt auf Norilsk Nickel und erhöhte gerade das Kursziel von 65 auf 75 $.

Auch Hartmut Jacob, Analyst bei der Moskauer Renaissance Capital-Gruppe, sieht großes Potenzial für den Metall-Förderer. „Norilsk, der Strommonopolist UES und vielleicht noch die Ölwerte Surgutneftegas und Lukoil können sich aus dem Yukos-Strudel herausschwimmen, der noch mindestens Weihnachten die Moskauer Börse dominiert“, meint Jacob. Er glaubt, UES können nach einem 30 %igen Fall bald wieder auf alten Höhen notieren – wenn die Partei von UES-Chef Anatolij Tschubajs am Sonntag wieder in die Duma komme. Aber davon gehen alle Umfragen aus. Auch Brunswick UBS stufte den Stromriesen von Halten auf Kaufen hoch mit einem Kurspotenzial von bis zu 23 %.

Schroders hat den Kursrückfall nach der „Yukos-Affäre“ genutzt, Engagements in „Kerngesellschaften aufzustocken, die aus Sympathie zu Yukos gefallen sind“. Schroders Expertin Kardouche ist davon überzeugt, dass die Regierung sich schnell darum bemühen wird, „das Vertrauen in Russland als Investmentland wieder herzustellen“. Anlegern, die auf Risiko mit großen Chancen setzen, empfiehlt Fenner Lukoil-Aktien. Und „Sibneft ist eine sichere Sache im Ölgeschäft“.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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