Selbsttest
Bankberater: Bei den Buhmännern der Nation

Die Finanzkrise hat Tausende Sparer arm gemacht. Jetzt entdeckt auch die Politik das Thema. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner will die Banken zwingen, ihre Kunden künftig besser zu beraten. Aber sind die Bankberater wirklich so schlecht wie ihr Ruf? Ein Selbsttest mit fiktiven 30 000 Euro.

FRANKFURT. Seine Hand zittert, als er langsam die dünne Linie auf das Schmierpapier zeichnet. Sie soll den Verlauf des EuroStoxx 50 in den vergangenen Jahren darstellen. Sachte, nur nicht abrutschen mit dem Kugelschreiber. Mirko Tosic will alles richtig machen, damit der Kunde sein Geld bei ihm lässt und nicht zur Konkurrenz geht. Dass der Mann, der da vor seinem Schreibtisch sitzt, Reporter ist, weiß der Anlageberater bei der Citibank nicht. Auch die anderen Berater, die in dieser Geschichte eine Rolle spielen werden, wissen nicht, wer wirklich vor ihnen sitzt und beraten werden will. Denn dies ist ein Test. Kann man Anlageberatern noch vertrauen?

Inzwischen hat sich auch die Politik dieser Frage angenommen. Es geht um Wählerstimmen. Die Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) will die Banken zwingen, ihre Kunden besser zu beraten. Sie fordert Mindeststandards für Finanzberater und eine Änderung der Provisionspraxis. Außerdem kündigt sie eine Checkliste für Verbraucher an. "Wir wollen eine Art Routenplaner", sagte Aigner gestern in Berlin. Eine Studie ihres Ministeriums schätzt die finanziellen Schäden durch Mängel in der Finanzberatung pro Jahr auf bis zu 30 Milliarden Euro.

Tatsächlich hat sich seit dem Fall Lehman einiges getan in den Hinterzimmern der Banken. Die Berater sind kleinlaut geworden. Statt große Renditen zu versprechen, versuchen sie, Vertrauen wiederzugewinnen. Aber leicht fällt ihnen ihre neue Rolle nicht. "Um wie viel soll es denn gehen", fragt Tosic von der Citibank. "30 000 Euro", sagt der vermeintliche Kunde. "Krisenfest, aber wenn möglich mit einer passablen Rendite".

Tosic deutet auf die handgezeichnete Indexkurve. Zwei Hügel, zwei Täler. Hügel, das war mal, als es noch keine Krise gab. Jetzt sind wir im Tal. Wer auf dem jetzigen Niveau einsteige, der könne später gut dastehen, sagt der Berater und kramt dabei in seinen Unterlagen. Er zieht zwei DIN-A4-Zettel aus einem dünnen Stapel Blätter. Auf dem einen sind die Zinsen für Festgeld bei der Citibank aufgelistet. Tosic empfiehlt, die Hälfte des Geldes auf ein Festgeldkonto zu packen: ein Jahr Laufzeit. Eine sichere Nummer in unsicheren Zeiten.

Auf dem anderen steht: Bonus Express Defensiv 18 Zertifikat. Der soll den Renditekick bringen. Ein Zertifikat auf den EuroStoxx 50. Tosic sagt, dass das Papier über einen sehr großen Puffer verfügt. Puffer? Das bedeute, dass der Anleger in fünf Jahren, am Ende der Laufzeit, fast 150 Prozent seines eingesetzten Geldes bekommen soll. Vorausgesetzt, der EuroStoxx verliert in der Zeit niemals mehr als die Hälfte seines Ausgangswertes. Klingt nach einem kalkulierbaren Risiko.

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