Sorge um die Turbo-Konjunktur
Chinas Premier schockt die Finanzmärkte

DIe Zentralregierung in Peking will die Konjunktur drosseln und löst damit einen Kursverfall bei Aktien und Rohstoffen aus.

PEKING/DÜSSELDORF. Die Angst vor einer harten wirtschaftlichen Landung in China hat gestern Aktien, Rohstoffe und Währungen in Asien auf Tauchstation geschickt. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters sagte Chinas Premier Wen Jiabao, das Land brauche „sehr starke“ Maßnahmen, um seine schnell wachsende Konjunktur abzukühlen. Prompt kamen Ängste auf, Chinas Turbo-Konjunktur könne abgewürgt werden und der Importhunger des bevölkerungsreichsten Land der Erde kräftig leiden.

Wie eine Epidemie sprangen die warnenden Worte des Premiers auf die Börsen Asiens über. Allein die aufstrebende Börse in Tokio blieb verschont – sie hatte geschlossen. Der H-Aktien-Index in Hongkong fiel um 4 %. Asiatische Aktien sanken gestern insgesamt auf ein Drei-Monats-Tief. Der MSCI-Index für Asien-Pazifik außerhalb Japans rutschte auf den niedrigsten Stand seit Anfang Januar.

Noch stärker traf es Rohstoffwerte. In Südkorea sackte der viertgrößte Stahlhersteller der Welt, Posco – einer der größten Profiteure von Chinas mächtigem Importsog – phasenweise um über 6 % ab. Gold fiel auf ein Sechs-Monats-Tief. Rohstoffe waren zuletzt wegen Chinas Boom kräftig gestiegen. Im ersten Quartal wuchs Chinas Wirtschaft um 9,7 %. Weil auch ausländische Anleger sich im größeren Umfang von lokalen Aktien verabschiedeten, gerieten die Währungen wichtiger Rohstoffländer unter Druck. Der Austral-Dollar fiel auf ein Fünf-Monats-Tief unter 72 US Cents.

Reaktionen bei führenden Investmentbanken in Hongkong verdeutlichen, wie angeschlagen die China-Euphorie ist. Die China-Analyse sei in den vergangenen 15 Monaten von der optimistischen Annahme ausgegangen, dass Exporte und Inlandsnachfrage das Wachstum immer weiter antreiben, heißt es bei Desmond Supple von Barclays Capital Research in Singapur, doch „unglücklicherweise war ein Großteil dieser Analyse zu optimistisch“.

China-Experten verunsichert, wie drakonisch die Pekinger Zentralregierung die Worte von Wen Jiabao mit Taten unterstreicht. Am Dienstag wurde den führenden Staatsbanken bis zum Samstag untersagt, neue Kredite auszugeben. Wegen der anstehenden Feiertage kommt das einem Kreditembargo von zehn Tagen gleich. Seit Dienstag müssen zudem Investoren in den Bereichen Aluminium, Zement, Stahl und Immobilien bei neuen Investitionen mehr Eigenkapital einbringen. Und zur Wochenmitte entfernte Peking wegen einer illegal gebauten großen Stahlfabrik zahlreiche lokale Politiker aus ihren Ämtern. Zuvor hatte die Vizegouverneurin der Notenbank Wu Xiaoling gewarnt, Peking werde gegen lokale Regierungen vorgehen, wenn die ausufernden Investitionen nicht nachließen.

An den Finanzmärkten wächst die Sorge, dass Chinas Regierung den Aufschwung zu stark abbremst. „Der starke Fokus auf administrative Maßnahmen schürt die Angst vor Fehlern in der Umsetzung“, sagt der China-Experte bei Goldman Sachs in Hongkong, Hong Liang. Ihm fällt „die wachsende Dringlichkeit im Ton“ der chinesischen Top-Politiker auf. Ray Farris von Credit Suisse First Boston rechnet bei heiß gelaufenen Aktien mit einem schmerzlichen Einbruch. „Die Märkte erleben einen fundamentalen Wandel in der China-Einschätzung“, warnt Desmond Supple von Barclays.

Die Experten in Deutschland hingegen bleiben gelassen. Tenor: Die Wachstumsregion Asien ist stark genug, um eine Delle beim chinesischen Boom zu verkraften. Nachhaltige Kurseinbußen drohten nicht. „Chinas Wachstum wird in ein ruhigeres Fahrwasser gelangen, und zweifellos ist eine Punktlandung schwierig“, sagt Roland Ziegler von der ING BHF-Bank. Einerseits versucht die Regierung das überschäumende Wachstum einzudämmen. Andererseits gilt es, eine Stagnation und Rezession zu vermeiden.

Trotz allem: „Abgesehen von einigen heiß gelaufenen Aktien in Hongkong sind die asiatischen Märkte auch nach enormen Kurszuwächsen im langfristigen Vergleich niedrig bewertet“, sagt Ziegler. Während in Europa die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) zwischen 14 und 19 schwankten, lägen sie in Asien bei etwa elf. „Und das, obwohl die Region stärker wächst als Europa.“ Paradebeispiel ist der südkoreanische Technologiekonzern Samsung. Der Aktienkurs notiert mit knapp 120 Euro nahe dem Allzeithoch und damit 2 350 % höher als in der Asienkrise 1998. Doch weil die Gewinne mit der Kursentwicklung Schritt halten, liegt das KGV bei acht – deutlicher niedriger als bei Intel.

Auch Deutschlands größte Fondsgesellschaft DWS fürchtet keinen Flächenbrand an Asiens Börsen. „Kurzfristig geht der Markt auf Tauchstation. Doch auch nach dem Eingeständnis eines zu starken Wachstums bleibt die chinesische Wachstumsstory in Takt, meint ein DWS-Sprecher und fügt hinzu: „Solche Probleme hätte Europa gerne.“

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