Spekulanten, Skandale, Sensationen – Börsenzirkus Neuer Markt
Einmal Millionär und wieder zurück

Ganze Familien vom Großvater bis zum Enkel drängeln sich vor der Bühne der Frankfurter Festhalle. Eltern halten ihre Kinder in die Höhe, damit auch die Kleinen einen Blick auf die Stars werfen können. Die Glücklichsten schaffen es sogar, ihren Idolen kurz die Hand zu drücken. Es ist der 22. Juli 1999.

HB FRANKFURT. Eine Mischung zwischen Rockkonzert und Familienausflug, doch oben auf dem Podest stehen weder Robbie Williams noch die Wildecker Herzbuben. Es ist der Tag der Hauptversammlung des Medienunternehmens EM.TV, und die Bühne gehört den Brüdern Thomas und Florian Haffa, die von ihren Anlegern gefeiert werden, wie ein Erweckungsprediger von seiner Gemeinde.

Die Sparkasse Pfaffenhofen, Heimatstadt der beiden Manager, lässt es sich nicht nehmen, eine Bustour an den Main zu organisieren – per Butterfahrt zum Aktionärstreffen. Für die ungezügelte Heldenverehrung gibt es einen handfesten Grund: Wer 1997 beim Börsengang von EM.TV mit 6 000 Euro einstieg, der ist dank einem Kursplus von 16 600 Prozent im Sommer 1999 Millionär – zumindest auf dem Papier.

Willkommen in der schönen Welt des Neuen Marktes. Eine Welt, die vom depressiven Deutschland des Jahres 2005 Lichtjahre entfernt scheint. Die New Economy versprach ewiges Wachstum. Das Internet sollte die Wirtschaftswelt revolutionieren. Am Kapitalmarkt jagte ein Rekord den nächsten: Zehn Börsengänge in einer Woche, mehr als 140 Neuemissionen in einem Jahr, und die Kurse verdoppelten sich oft noch am Tag der Erstnotiz.

In Frankfurter U-Bahnen konnte man selbst Obdachlose beim Lesen von Börsenmagazinen beobachten. Ganz oben in den Führungsetagen der Bankentürme waren sich die Vorstände sicher, früher oder später würde man die europäische Finanzmetropole London entthronen.

Irrationaler Überschwang, heißt das heute. Dabei ist der Begriff irrational noch viel zu rational, um das Phänomen Neuer Markt zu fassen. War eine Branche „in“, dann kauften die Anleger alles, was auch nur von weitem so aussah. Waren Telekom-Werte der „Tipp des Tages“, dann stand oft genug auch Teleplan auf dem Einkaufszettel – dass das Unternehmen sein Geld eigentlich mit dem Reparieren von Computern verdiente, störte nur unverbesserliche Pedanten. Schließlich kannten die Kurse nur eine Richtung – aufwärts.

Wie alle Neureichen schmückten sich auch die Manager am Neuen Markt gerne mit ein wenig Glamour. Und so schickte der kleine Filmhändler Splendid Media den großen Hollywoodstar Catherine Zeta-Jones auf Werbetour. Der IT-Wert Systematics warb mit Schachweltmeister Garri Kasparow für die eigenen Aktien. Kasparow wusste übrigens noch am Abend vor dem Börsengang nicht, für welche Firma er den klugen Kopf hinhalten sollte. Der Kurs verfünffachte sich trotzdem.

Es war eine pikante Mischung, die das deutsche Börsenwunder ausmachte: Winzige Firmen mit großen Plänen, aggressive Investoren und willige bis naive Medien.

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