Spekulative Aktiengeschäfte als chineischer Volkssport
Zocken gegen alle Vernunft

Um knapp 50 Prozent ist der Shanghai Composite Index, das Kursbarometer von Chinas wichtigster Börse, seit Jahresanfang gefallen. Unter den 20 weltweit größten Aktienindizes ist das die mit Abstand schlechteste Entwicklung. Doch die Chinesen lassen sich den Spaß an Aktien nicht nehmen. Die Regierung wird?s schon richten, glauben sie.

PEKING. Der König hält Hof. Entspannt sitzt er auf einem mit dunkelgrünem Samt bespannten Stuhl am Kopfende eines enormen Holztisches. Um ihn herum ein Dutzend Menschen, gebannt verfolgen sie jede seiner Bewegungen. Wie er seine Hände auf die Armlehnen legt, wie ihm die Brille langsam bis fast auf die Nasenspitze rutscht und er seinen Kopf leicht nach hinten neigt, um überhaupt noch etwas sehen zu können.

Selbstgefällig blinzelt er durch die dicken Brillengläser, von oben herab mustert der Mann seine Zuhörer. Dabei doziert er über sein Leben, vor allem über die vergangenen Jahre. Über jene Zeit, in der er an der Börse reich geworden ist, in der er sich mit den Kursgewinnen ein Haus in einem der vornehmeren Bezirke Pekings leistete.

Zhu Yiwen ist der ungekrönte König unter den chinesischen Kleinaktionären. Der Mann hat nicht nur aus gut 150 000 Yuan innerhalb kürzester Zeit zwei Millionen Yuan gemacht. Er hat seinen Freunden und Bewunderern, die er hier zu diesem Treffen in einem der typischen Pekinger Teehäuser mitgebracht hat, vor allem eines voraus: Zhu Yiwen hat den Großteil seiner Aktien rechtzeitig verkauft. Der tiefe Fall der chinesischen Börsen in den vergangenen Monaten, der hat ihm nicht viel anhaben können.

Um knapp 50 Prozent ist der Shanghai Composite Index, das Kursbarometer von Chinas wichtigster Börse, seit Jahresanfang gefallen. Unter den 20 weltweit größten Aktienindizes ist das die mit Abstand schlechteste Entwicklung.

Viele Marktbeobachter haben das schon lange erwartet. Keine Börse boomte in den vergangenen Jahren so wie die chinesische. Asiens legendärer Milliardär Li Ka-Shing hatte daher vor einer Spekulationsblase gewarnt, der ehemalige Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, vor einer harten Kurskorrektur. Nun ist sie unübersehbar

Die Chinesen lassen sich den Spaß an der Börse aber nicht nehmen. "Die Regierung wird es schon richten", sagt auch der 36-jährige Zhu Yiwen. "Der Bullenmarkt ist noch lange nicht vorbei, es wird schon bald wieder aufwärtsgehen."

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