Stock-Spam
Das Geschäft mit der Gier

Aktientipps per E-Mail ködern Anleger in Baisse-Zeiten. Erstaunlicherweise beißen viele an, Anleger wollen ihre angesammelten Verluste minimieren. Der Schaden durch per Mail empfohlene Penny Stocks beläuft sich auf mehrere Millionen Euro.

DÜSSELDORF. Aber ich halte sie doch in der Hand", erklärt die aufgeregte Anlegerin am Telefon. Die Frau hat Aktien gekauft und kann gar nicht glauben, das die Papiere gerade mal Materialwert haben - etwa zehn Cent, wenn man die Druckertinte mitrechnet. Sie war auf einen unseriösen Aktientipp via E-Mail hereingefallen. Im Jargon heißt das "Stock-Spam". "Wir bekommen derzeit täglich Anrufe von betrogenen Anlegern", berichtet Marc Tüngler, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Und Anja Engelland von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) sagt: "Wir haben seit Beginn der Spam-Welle Anfang 2007 sicherlich schon mehrere Hundert Beschwerden erhalten."

Gerade in Abschwungphasen an den Finanzmärkten haben unseriöse Aktientipps Hochkonjunktur. Die Absender spielen mit der Gier der Anleger, die in solchen Zeiten ihre angesammelten Verluste minimieren möchten.

Und es fallen offensichtlich genügend Menschen darauf herein. "Meist werden sogenannte Penny-Stocks empfohlen. Es ist bei der Marktenge des Segmentes nicht nötig, dass eine breite Masse einsteigt, da reichen schon ein paar unlimitierte Orders", erklärt Anlegerschützer Tüngler. Der DSW-Mann nimmt an, dass "Mail-Initiatoren auf diese Weise Millionenbeträge ergaunern".

Laut Symantec, einem führenden Anbieter von Sicherheitssoftware, sind etwa ein Drittel aller Spams Aktienempfehlungen. Dass diese tatsächlich zu Kursmanipulationen führen, bewiesen schon vor Jahren die beiden Professoren Laura Frieder von der US-Universität Purdue und Jonathan Zittrain von der Universität Oxford. Und seitdem haben die Abzocker hinzugelernt: Sie schreiben vermehrt auf Deutsch, tarnen sich als Börsenbrief oder als verirrte Mail mit Insiderwissen und suchen sich mittlerweile Aktien aus, die früher durchaus einen bekannten Namen und auch Wert hatten. "Mit diesem miesen Trick sollen Anleger in Sicherheit gewogen werden, weil sie dann denken: Ach, die kenne ich doch", sagt Tüngler. Der seriöse Eindruck wird dann noch durch ein paar Warnhinweise verstärkt. Anlegerschützer wünschen sich das Aussetzen des Handels bei auffälligen Kursbewegungen nach dem Versenden einer Stock-Spam; so wie es bereits die US Security Exchange-Börsenaufsicht Commission (SEC) vorgemacht hat. Doch hierzulande ist das nicht so einfach: Für Marktmanipulationen ist die BaFin zuständig. "Eine Handelsaussetzung kommt für die BaFin aber nur in ganz speziellen Ausnahmefällen in Betracht und käme dann zu spät. Dazu würde sie auch unbeteiligte Anleger treffen", sagt BaFin-Vertreterin Engelland. Bei anderen Gelegenheiten den Aktienhandel aussetzen darf die Deutsche Börse, doch die reagiert erst wenn die BaFin sie auf Kursmanipulationen aufmerksam macht. Und so schieben sich beide den Schwarzen Peter zu.

Zwar stellt das Versenden von Aktienspam als belästigende Werbung einen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht dar - und wenn die BaFin eine Marktmanipulation nachweisen kann, ist es "eine Straftat, auf die bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe oder Geldbußen stehen", sagt Engelland. Doch was hilft es, wenn sich die Stock-Spams so gut wie nie zurückverfolgen lassen. Die technische Ausrüstung der Abzocker macht es schwierig, sie zu fassen. Ein Blick in die Orderbücher der Börse kann da schon rascher Aufschluss geben, wer vom Kursanstieg hochgejubelter Pfennig-Aktien profitiert hat.

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