Strukturwandel
Börse Brasilien vor Kurshoch

Seit Jahresbeginn haben 24 Unternehmen ihre Aktien erstmals an die brasilianische Börse Bovespa gebracht oder junge Aktien ausgegeben. Dies sind etwa so viele Neuemissionen und Kapitalerhöhungen wie in den vergangenen zwei Jahren zusammen. Die vielen Börsengänge wandeln die Struktur der Bovespa.

SAO PAULO. Aktien aus den Sektoren Energie, Telekom und Wasserversorgung verlieren an Gewicht. Gleichzeitig steigt die Bedeutung von Werten aus den Branchen Bau, Immobilien, Transport, Maschinen und Konsum – was Beobachter positiv bewerten. „Wegen der breiteren Diversifizierung schlagen die Kurse nicht mehr so stark aus, wie noch vor kurzem“, sagt Herculano Aníbal Alves, Direktor für Aktieninvestitionen von Bradesco, der größten Privatbank des Landes. Denn der Index in São Paulo wurde bis vor kurzem überproportional durch die Kursentwicklungen der vor zehn Jahren privatisierten Energie- und Telekom-Werte beeinflusst. Deren Geschäft hängt stark von Tarif-Entscheidungen der Regulierungsbehörden ab. Die bisher ebenfalls den Bovespa-Index dominierenden Aktien von Exportunternehmen sind wiederum den Zyklen auf dem Weltmarkt ausgeliefert.

„Außerdem haben die neuen Aktien ein hohes Wachstumspotenzial“, stellt Marcelo Mesquita, Chefstratege von UBS in Brasilien, fest. Doch zunächst haben die Neuemissionen dieses Jahres enttäuscht. Die wenigsten von ihnen hielten ihre Eröffnungskurse. Ausschlaggebend dafür war, dass bis Mitte Mai vor allem ausländische Investoren bei den Börsenneulingen zugegriffen haben. Als Zinserhöhungen in den USA anstanden, stießen sie ihre brasilianischen Investitionen aber sofort wieder ab. Von Mitte Mai bis Anfang Juni stürzte der Bovespa-Index binnen drei Wochen von 42 000 auf rund 33 000 Punkte ab. Einzelne Aktien, wie etwa die des Internethändlers Submarino oder des Kreditkartenverwalters CSU Cardsystems, waren zuvor fast ausschließlich von ausländischen Investoren gezeichnet worden. Entsprechend tief war der Kurssturz dieser Titel anschließend. „Eigentlich haben die Aktien sich am besten gehalten, bei denen ausländische Investoren unterdurchschnittlich vertreten waren“, beobachtet Nami Neneas von Banif Primus Banco de Investimento. Inzwischen bewegt sich der Bovespa-Index wieder bei 36 500 Punkten.

Wegen des Einbruchs wird es im zweiten Halbjahr 2006 wohl deutlich weniger Börsengänge in São Paulo geben. „Jetzt schauen sich die Investoren wieder genauer die Fundamentaldaten an“, sagt Alexandre Espírito Santo vom Vermögensverwalter Avanti in Rio de Janeiro.

Die Analysten sind optimistisch. Sie erwarten, dass der Bovespa-Index bis zum Jahresende auf die aktuell etwa 36 500 Punkte rund 20 bis 25 Prozent drauflegt – so etwa Santander oder HSBC. Merrill Lynch sieht sogar ein Kurspotenzial von 30 Prozent bis zum Jahresende und empfiehlt brasilianische Aktien ausdrücklich als Kauf.

Pedro Martins, der Analyse-Chef von Merrill Lynch in Brasilien setzt vor allem auf den stark wachsenden Binnenmarkt Brasiliens. Durch Zinssenkungen, höhere Einkommen und neue Kredite werde der inländische Konsum zulegen. „Zwei Drittel des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts hängen vom Konsum ab“, sagt Martins. Brasilien befindet sich – anders als die Weltwirtschaft – noch mitten im Desinflationsprozess. Die Zentralbank hat noch Spielraum für weitere Zinssenkungen bis Jahresende. Außerdem lassen die hervorragenden Abschlüsse der Unternehmen zur Jahresmitte auch für das Gesamtjahr hohe Gewinne erwarten. Santander traut den Gewinnen der 50 größten Börsenwerte in diesem Jahr ein Plus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu.

Die Bovespa selbst möchte die Gunst der Stunde nutzen. Nach Medienberichten hat sie die Investmentbank Goldman Sachs mit der Vorbereitung ihres Börsengangs beauftragt. Die Emission könnte 2007 über die Bühne gehen, schreibt die brasilianische Zeitung „Valor“.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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