Studie schlägt Entschlackung der Analysen vor
Inflation der Kriterien verwirrt die Anleger

Was Klarheit schaffen soll, sorgt zuweilen für Verwirrung: Mit bis zu 300 Kriterien messen Nachhaltigkeitsanalysten, ob Unternehmen ökologisch und sozial verantwortlich wirtschaften.

HB BERLIN. „Auch wir wurden in diesen verzweifelten Wettlauf um die höchste Anzahl Researchkriterien hineingezogen“, räumt Philippe Spicher ein, geschäftsführender Vorstand der Siri Company, des weltgrößten Netzes unabhängiger Nachhaltigkeitsratingagenturen. Analysten streben Differenzierung an, wogegen Unternehmen zunehmend ausufernde Fragebögen, steigende Kosten und diffuse Konzepte kritisieren.

Das Schweizer Bankhaus Pictet, unter anderem Experte bei nachhaltigen Kapitalanlagen, schlägt nun einen neuen Analyseansatz vor, um das aufwendige Nachhaltigkeitsresearch zu vereinfachen und für Anleger, Asset-Manager und Unternehmen aussagekräftiger zu machen. „Um den Zweck nachhaltiger Geldanlagen zu erreichen, sind eine Konzentration auf wesentliche Schlüsselfaktoren und eine radikale Entschlackung nötig“, meint Christoph Butz, der Autor der Studie, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Butz hat viele Jahre für verschiedene Institute nachhaltige Researchkonzepte entwickelt und deren Grenzen als Analyst oft selbst erfahren. Mit der Studie rege er an, Nachhaltigkeit mit zentralen Kriterien besser, transparenter und kostengünstiger zu erfassen, betont Butz: „Weniger ist oft mehr.“ Die „Kriterieninflation“ berge zudem die Gefahr der Anlegertäuschung, da es einfacher sei, viele irrelevante Fragen zu beantworten als die wenigen wichtigen, warnt er. Er schlägt eine drastische Reduktion der Anzahl der Kriterien und die Konzentration auf branchenspezifische Schlüsselfaktoren vor. Angestrebt sei keine hundertprozentige Genauigkeit, sondern robuste Näherungswerte.

So sei etwa die wichtigste Kennzahl zur Umweltnachhaltigkeit der Autobauer ihr durchschnittlicher Flottenverbrauch. Da Konsumenten bei steigenden Ölpreisen sparsamere Autos vorziehen werden, sei dies zugleich ökonomisch relevanter. Diese mit Abstand wichtigste Kennzahl werde aber mit Ausnahme von Renault und Peugeot von den Herstellern nicht veröffentlicht. Das werfe einen Schatten auf die Ernsthaftigkeit der Nachhaltigkeitsbemühungen der Branche. Für den Luftverkehr schlägt Pictet das durchschnittliche Alter der Flugzeugflotte vor. Je jünger diese ist, desto höher ist die Treibstoffeffizienz.

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