Thomas Mayer: „Furcht vor globaler Rezession ist übertrieben“

Thomas Mayer
„Furcht vor globaler Rezession ist übertrieben“

Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank sagt, dass die größte Gefahr für Japans Wirtschaft von den Stromausfällen ausgeht. Die Sorge vor einer globalen Rezession oder einer Zahlungsunfähigkeit des Landes sei unbegründet.
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Frankfurt

Herr Mayer, gestern reagierten die Börsen in Europa und Amerika erstmals heftig auf die Nachrichten aus Japan. Wurde den Anlegern erst dann die Dramatik der Ereignisse in Japan bewusst?

Ja, bisher hatten die Börsen gehofft, dass die Situation in den Atomkraftwerken schnell unter Kontrolle gebracht werden kann und das Land bald mit dem Wiederaufbau beginnen kann. Jetzt aber scheint sich die Lage zu dramatisieren. Ein Ende der Katastrophe ist nicht abzusehen. Viele Anleger bauen jetzt das Risiko in ihren Portfolios ab. Sie trennen sich von Aktien und schichten ihr Geld in Cash und Rentenpapiere um. Wir sehen steigende Kurse bei Staatsanleihen und Terminkontrakten wie dem Bund-Future. Das ist ein typischen Verhalten in Krisen.

Warum fällt gleichzeitig der Goldpreis? Das Edelmetall gilt doch auch als sicherer Hafen.

Gold ist vor allem dann gefragt, wenn mit steigenden Inflationsraten gerechnet wird. Momentan fürchten Anleger offensichtlich mehr einen Rückfall in die Rezession.

Ist die Sorge vor einer Rezession berechtigt? Welche Rolle spielt Japan für die Weltwirtschaft?

Japans Anteil am globalen BIP liegt bei unter fünf Prozent. Japan ist ein Netto-Exporteur. Es lässt sich eher von der globalen Konjunktur mitziehen, als selbst eine Lokomotive zu sein. Die Effekte für die Weltwirtschaft durch die Katastrophe dürften daher eher gering ausfallen.

Welche Effekte haben das Beben, der Tsunami und die Störfällen in den Atomkraftwerken auf die japanische Wirtschaft?

In den betroffenen Regionen ist relativ wenig Industrie angesiedelt. Das größere Problem sind die Stromausfälle. Nach unseren Schätzungen kann das japanische BIP dadurch um monatlich 0,1 Prozent sinken. Die japanische Wirtschaft hat nach einem starken Aufschwung 2010 nun das zweite Quartal in Folge mit einem negativen Wachstum zu kämpfen. Vor dem Beben erwarteten wir für 2011 ein Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent. Je nachdem wie sehr sich die Lage noch verschärft und wie lange der Wiederaufbau hinausgeschoben werden muss, muss diese Schätzung deutlich nach unten korrigiert werden.

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  • Ja klar. Alles ist total übertrieben.
    Wie kann denn so ein "kleiner" Zwischenfall in Japan die Weltwirtschaft ernsthaft bedrohen?! Japan ist ja nur die drittgrößte Wirtschaftsnation, Technologieführer, Exportnation und Schlüsselland im asiatischen Raum.
    Es ist wirklich unfassbar. Abgesehen von der unvorstellbaren Tragik der Geschehnisse der letzten Tage, häufen sich immer mehr Artikel, die uns weismachen wollen, dass die schrecklichen Vorkommnisse in Japan für die Weltwirtschaft nicht so schlimm wären.
    Also für mich steht als erstes die menschliche Katastrophe im Vordergrund, denn keiner ist in der Lage zu sagen, was in ein paar Tagen und Wochen in Japan los sein wird. Wenn die sonst so ruhige, geduldige und beherrschte Nation einmal die Panik erfasst und die Lage immer weiter ausser Kontrolle gerät, dann kann in Japan auch die Hölle losbrechen und Chaos wird das geordnete Leben überschatten.
    Aber wenn wir schon über die Konsequenzen für die Weltwirtschaft sprechen. Wäre unser System und unsere Weltwirtschaft im Kern gesund, hätte die Katastrophe in Japan vielleicht nicht so einschneidende Auswirkungen. Das Problem ist nur, dass es momentan an allen Ecken und Enden taumelt, kränkelt und dahinsiecht. Wir haben die weltweite Rezession noch längst nicht überwunden, sondern die Probleme und Krankheiten mit einigen starken Aufputschmitteln nach hinten verlagert.
    Keines der eigentlichen Ursachen der Krise wurde jemals angegangen und behoben. Neben den alten "Problemen" kommen jetzt noch neue hinzu. Jetzt haben wir alles auf einmal: Pest, Cholera, Schweinegrippe und SARS.
    Nur zur Erinnerung: Europa-Krise, globale Rekordverschuldung praktisch aller wichtigen Nationen und Wirtschaftsregionen(USA, EU, Japan etc. Dubai), Arabien-Krise usw.
    Wie lange das alles andauert weiss heute keiner. Nur eins ist sicher. Japan hat das Potential die Lehman Pleite wie einen Kindergeburtstag aussehen zu lassen.

  • Na ja. Der gute Hr. Mayer versucht sich halt im Beruhigen der verunsicherten Investorenmassen und bietet uns die dazu am besten passende "Schonkost" an.
    Man kann einige Phänomene der momentanen Unruhe aber auch anders interpretieren:
    "Warum fällt gleichzeitig der Goldpreis?"
    Weil Gold, genauso wie Baumwolle oder Kupfer (oder, oder, oder) eines der letzten (neben Aktien), verbliebenen Zockereibiotope war (und ist). Rohstoffe sind extrem hochgehebelt und wenn die Liquiditätsströme abreißen, hat der Zocker blitzschnell extreme Verluste und muss außerdem extreme Nachschussleistungen erbringen. Da gehen viele doch lieber erst mal raus.
    "Welche Rolle spielt Japan für die Weltwirtschaft?"
    Das Problem ist, dass das High-Tech Land Japan eine erhebliche Menge an Schlüsseltechnologien und -produkten, viele davon auch noch als (fast) Monopol, liefert.
    Damit ergeben sich erhebliche, globale Multiplikationseffekte für die ganze Welt. Das kann bis zum weltweiten Produktionsstopp ganzer Industriezweige führen (v.a. Elektronik). Der "nur 5%" Spruch des Hrn. Mayer ist da ganz schön naiv (oder einlullend).
    "Wohin fließt das Geld? [des jap. QE] "
    Ja, es geht an die Banken. Und da bleibt es leider auch denn es rettet nur (wie schon seit Jahrzehnten) das jap. Zombiebankensystem vor dem endgültigen Tod. Die vom Tsunami getroffene Bevölkerung/Unternehmen werden davon nur wenig sehen, weil die oft (Überschuldung/keine Sicherheiten) nicht mehr kreditwürdig sind. Nicht vergessen: Japan steckt in der Dauerdeflation und das hat seine handfesten Gründe...

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