Turbulente Märkte
Börse: Für Jubel ist es noch zu früh

Obwohl die Prognosen für die Konjunkturentwicklung stetig nach unten revidiert werden, haben die Aktienmärkte zu einer Erholung angesetzt. Experten erklären dies damit, dass Börsen der Wirtschaft traditionell vorauseilen. Doch der Optimismus an der Börse könnte sich als verfrüht herausstellen. Für eine dauerhafte Kurserholung scheint es noch zu früh.

FRANKFURT. Beinahe täglich schockieren Volkswirte aus Banken oder von Forschungsinstituten mit neuen Hiobsbotschaften über den möglichen Einbruch der Wirtschaft, gestern zog die Bundesregierung nach. Auf der Gegenseite zeigen gerade die Aktienmärkte erste Anzeichen einer Aufhellung und haben sich in den vergangenen beiden Wochen deutlich stabilisiert. Der Deutsche Aktienindex (Dax) hat seit Anfang März rund 15 Prozent gewonnen, fast genauso viel waren es an der Wall Street im Dow Jones - diese widersprüchliche Lage ist nicht einfach zu verstehen.

Bankstrategen erklären dieses Phänomen mit den Mustern früherer Wirtschaftskrisen. "Erst erholt sich der Markt, dann die Konjunktur, und als letztes erholen sich die Unternehmensgewinne", sagt William De Vijlder, Chefstratege der belgischen Fortis Investments. In der Vergangenheit lag zwischen diesen drei Phasen jeweils eine zeitliche Spanne von durchschnittlich einem halben Jahr.

Gesetzt den von vielen Volkswirten als wahrscheinlich angesehenen Fall, dass die Konjunktur ab der zweiten Jahreshälfte wieder an Fahrt gewinnen könnte, macht diese Theorie durchaus Sinn. Zumal auch die These anziehender Unternehmensgewinne Anhänger hat. "Wir glauben, dass eine Rückkehr des Gewinnwachstums bis 2010 unwahrscheinlich ist und dann moderat ausfallen wird", heißt es von der britischen Fondsgesellschaft Henderson.

Auf welch tönernen Füßen diese Annahme im Moment allerdings noch immer steht, verdeutlichen die Tagescharts der vergangenen Wochen. Selten war ein einheitlicher Trend zu sehen, oft verlief der Vormittag anders als der Nachmittag. "Für eine dauerhafte Kurserholung ist es noch viel zu früh", heißt es deshalb aus gutem Grund bei der britischen Fondsgesellschaft Henderson.

Spürbar ist am Markt immerhin, dass viele Großinvestoren, Fondsmanager und Anlageberater nach einem Winter voller Negativschlagzeilen derzeit dabei sind, sich anders zu positionieren. Meist sind sie "Getriebene des Marktes", wie es ein Fondsmanager nennt. Ihre Kunden hatten es im Krisenjahr 2008 - wenn auch zähneknirschend - hingenommen, dass ihr Erspartes weniger geworden ist. Nun aber fordern sie unverhohlen, dass zumindest ein Teil der Verluste in diesem Jahr wieder wettgemacht werden. Zumal sie allerorts von einer Erholung der Wirtschaft im zweiten Halbjahr hören.

Mehr Rendite geht in der Regel jedoch nur durch mehr Risiko. War es im vergangenen Jahr ratsam, möglichst viel Geld in sichere Staatsanleihen anzulegen, um so den immensen Verlusten am Aktienmarkt zu entgehen, so ist es jetzt die magere Rendite dieser Papiere, die kaum mehr als den Inflationsausgleich darstellen. "Mit der Aussicht auf zwei Jahre mit null Prozent Zinsen sind risikoreichere Anlagen für die Investoren automatisch ein Thema", sagt William De Vijlder.

Die Zerrissenheit der Anleger zwischen der Angst vor weiteren Rückschlägen und dem Wunsch, nicht den lange ersehnten Aufschwung zu verpassen, hat sich in den vergangenen Tagen noch verschärft. Keimte doch mit den am Montag vorgestellten neuen Rettungsplänen von US-Finanzminister Timothy Geithner auch die Angst vor Inflation erneut auf. Damit Investoren künftig eine Jahresrendite erzielen können, die oberhalb der Inflationsrate liegt, müssen sie zwangläufig weg von den bisher so beliebten sicheren Staatsanleihen. "Die Sorge vor ausufernden Staatsdefiziten und langfristige Inflationsgefahren sowie die ausgesprochen niedrige Verzinsung könnten durchaus wieder in den Vordergrund treten", sagt Heinrich Peters von der Helaba.

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