Turbulenzen an den Märkten
„Anleger schätzen die Crashgefahr viel zu hoch“

Wie hitzig es an der Börse zugehen kann, haben Anleger zu Jahresbeginn erlebt. Der Dax rauschte in die Tiefe. Mittlerweile ist das Minus fast wettgemacht. Doch schon bald könnten die Emotionen wieder hochkochen.

DüsseldorfGroße Konjunktursorgen, schwache Quartalszahlen, fragwürde Notenbankpolitik – Auslöser für extreme Schwankungen an den Weltmärkten gibt es viele. Extreme Ausschläge gehen unweigerlich einher mit extremen Emotionen. Schon Börsenaltmeister André Kostolany sagte einst: „Die Börse besteht zu 90 Prozent aus Psychologie, nur zehn Prozent sind Fakten.“

Emotionen führen an der Börse unweigerlich zu Überreaktionen. Die beiden Extreme sind dabei Gier und Panik, oder übersetzt: Rally oder Crash. Die Turbulenzen in die eine oder andere Richtung scheinen immer extremer zu werden. Gerade hat sich die Lage zwar beruhigt, aber der Schein könnte trügen. Schon die nächsten, etwas schwächer als erwartet ausfallenden Konjunkturdaten könnten neue Verwerfungen auslösen.

Hinzu kommt die Abstimmung der Briten über den Verbleib in der Europäischen Union. Stimmen sie für den Brexit und stürzen Europa in eine tiefe Krise? Was passiert dann an der Börse? Die Nervosität ist groß, und wird in den Wochen bis zur Abstimmung am 23. Juni sicher nicht geringer.

Auch die erfahrensten Anleger können ihre Emotionen nicht ausschalten. Auch sie zweifeln an Tagen wie dem 24. August 2015, als der Dax im Sog der chinesischen Konjunktursorgen mehrere hundert Punkte einbüßte. Auch sie werden nervös. Manche verfallen sogar der Panik. „Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich eigenes oder fremdes Geld verwalte“, sagt der bekannte Börsenpsychologe und Gründer von Cognitrend Joachim Goldberg. „Jeder, der sich für ein Investment entscheidet, hat eine Bindung an diese Entscheidung. Und in dem Moment, in dem wir in einen Markt investiert haben, verändert sich die Wahrnehmung.“

Oft dreht die Stimmung schnell wieder. Das haben Anleger nach dem verpfuschten Jahresstart erlebt, aber auch im August. Wie so oft, kochten die Emotionen hoch, doch ebenso schnell waren es andere Themen, die das Börsengeschehen beeinflussten – Angst und Sorgen schienen verschwunden. Emotionen haben nämlich an der Börse eine kurze Haltwertzeit.

Die Aussage von Börsenaltmeister Kostolany bezog sich deshalb auch auf die kurzfristige Kursentwicklung, langfristig spielen Fundamentaldaten sehr wohl eine große Rolle. Börsenpsychologen messen deshalb in ihren wöchentlichen Umfragen die kurzfristige Stimmung, die als Kontraindikator gilt, und die längerfristigen Erwartung der Anleger, also sein Grundvertrauen in den Markt.

In der wöchentlichen Handelsblatt Dax-Umfrage geben Anleger an, wie sie sich derzeit fühlen, also in welcher Phase sie den Dax aktuell sehen, und was sie für die kommenden Monate erwarten. Beide Stimmungsbilder fließen in die Analyse ein, die Stephan Heibel vom Analysehaus AnimusX vornimmt. „Nur weil alle gerade denken, die Welt geht unter, ist das noch ausreichend für einen Trendwechsel“, erklärt er. „Solche schlechte Stimmung kann über mehrere Wochen anhalten und die Märkte fallen immer stärker.“

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