Überlastete Handelssysteme
Anleger-Ansturm beeinträchtigt Derivatehandel

Die heftigen Kursbewegungen an den Finanzmärkten beeinträchtigen auch den Handel mit Derivaten. Viele Handelsplattformen hatten durch den Ansturm der Anleger in den vergangenen Tagen Aussetzer. Die Kurse von Zertifikaten und Optionen erschienen entweder gar nicht oder nur zeitverzögert. Viele Systeme waren auf so eine Extremsituation nicht vorbereitet.
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FRANKFURT. Zwar sind die Probleme bislang nicht so massiv wie etwa die Ausfälle im Frühjahr dieses Jahres, als die Systeme der Banken zum Teil tagelang stillstanden. Ende vergangener Woche konnten einige Emittenten aber erneut zeitweise keine oder nur verzögert Kurse für Optionssscheine und Zertifikate stellen, andere wickelten größere Orders nicht mehr automatisch ab, wodurch sich die Ausführung deutlich verlangsamte. Vor allem spekulativ orientierte Viel-Trader blieben dadurch auf ihren Papieren sitzen oder wurden sie nur verzögert und zu niedrigeren Preisen los.

„Verglichen mit gewöhnlichen Marktphasen haben Anzahl und Dauer der Handelsausfälle bzw. -einschränkungen zuletzt stark zugenommen“, sagt Thomas Kolb, Sprecher von Scoach, der gemeinsamen Derivateplattform von Deutscher und Schweizer Börse. Das gleiche Bild zeigt sich an der Stuttgarter Derivatebörse Euwax. Und auch im Direkthandel zwischen Emittenten und Banken, auf den rund zwei Drittel des Derivategeschäfts entfällt, gab es laut Berichten von Anlegern Beeinträchtigungen. Daten hierzu gibt es allerdings nicht.

Die Gründe für die Probleme im Derivatehandel sehen Experten im immensen Wachstum der vergangenen Jahre. Nach Angaben der Euwax gibt es in Deutschland mehr als 220 000 Zertifikate, Optionsscheine und Hebelprodukte. Und täglich kommen Hunderte hinzu. „Im Vergleich dazu ist bei vielen Banken die Infrastruktur nicht mitgewachsen“, sagt ein Frankfurter Banker. „Das geht in ruhigen Marktphasen gut. Doch in hochvolatilen Zeiten wie jetzt sind die Systeme mit der hohen Zahl der Produkte überlastet.“

Verglichen mit den Turbulenzen Ende Februar, als der Kursrutsch in China die Börsen weltweit ins Wanken brachte und der Derivate-Handel bei manchen Banken zum Teil zum Erliegen kam, hat sich die Situation jedoch verbessert. „Obwohl wir heute noch einmal etliche tausend derivative Finanzprodukte mehr am Markt haben, waren die Ausfälle diesmal im Wesentlichen auf wenige Produkte und Momente extremer Handelsbewegungen beschränkt“, sagt Sebastian Bleser, Zertifikate-Experte bei der Société Générale. In solchen Kursspitzen wie am Freitag, als der Dax in wenigen Minuten 200 Punkte zulegte und auch andere für Derivatepreise entscheide Faktoren wie die implizite Volatilität stark in Bewegung kamen, ist es für die Emittenten kaum möglich, Absicherungsgeschäfte zu tätigen, was zu Kursausfällen führen kann.

Beistand erhalten die Banken von den Börsen. Zwar verpflichten diese die Banken dazu, kontinuierlich Preise für ihre Derivate zu stellen. In Ausnahmesituationen, etwa bei außerordentlichen Bewegungen des Basiswertes, kann diese Pflicht aber entfallen. „Und solch eine Bewegung lag Ende vergangener Woche auf jeden Fall vor“, sagt Andreas Freudenmann, Leiter der Handelsüberwachung der Börse Stuttgart.

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