Überraschende Renaissance des Energieträgers: Kohlehausse überflügelt Preisanstieg beim Erdöl

Überraschende Renaissance des Energieträgers
Kohlehausse überflügelt Preisanstieg beim Erdöl

Sie ist schmutzig und weniger attraktiv als Gold oder Platin. Doch ausgerechnet die lange vernachlässigte Kohle erlebt derzeit eine ungeahnte Renaissance. In kaum einem Rohstoffsektor sind die Aussichten ähnlich günstig – und die seit Jahresbeginn markant gestiegenen Preise sind ein deutliches Indiz dafür.

HB KAPSTADT. Dass der Boom weitgehend unbemerkt geschieht, liegt daran, dass sich die Aufmerksamkeit der Marktakteure zumeist auf Öl und Gas richtet. Dabei erwartet die US-Bank Merrill Lynch für 2005 Preissprünge bei Kohle von bis zu 60 Prozent. Gemäß einer Studie dürfte der japanische Kontraktpreis für Kokskohle, die zur Herstellung von Stahl verwendet wird, im nächsten Jahr um fast zwei Drittel auf 95 Dollar pro Tonne schnellen.

Der Hauptgrund für den Aufschwung findet sich im Rohstoffhunger des bislang weltgrößten Kohleproduzenten China. Das Land dürfte wegen der Nachfrage seiner Stahlhersteller und Kraftwerke aber ab 2005 vom Exporteur zum Importeur werden. Noch schwerer wiegt, dass der Rohstoff, der rund zwei Drittel des chinesischen Energiebedarfs deckt, in China allmählich zur Neige geht. Erst im März warnte ein führender Repräsentant der chinesischen Kohleindustrie davor, dass die drohende Verknappung „eine der größten Gefahren für Chinas Zukunft“ darstelle.

Bereits jetzt stehen viele Minen im Nordosten Chinas wegen ihrer Tiefe und rückläufigen Produktion vor der Schließung. Mehr als 70 Prozent der 390 Minen des Landes gelten als weitgehend ausgebeutet; nur 20 Prozent wird langfristig Potenzial bescheinigt. Dennoch will China in diesem Jahr 264 Mill. Tonnen Rohstahl produzieren, bis 2007 dürfte dieser Wert auf 360 Mill. Tonnen schnellen.

Problem bleibt die Verschmutzung

Nicht nur in China geht der Trend zur Kohle: Auch amerikanische Energiekonzerne nutzen verstärkt diesen Energieträger. Die US-Regierung prophezeit gar, dass sich der Anteil der Kohle am Weltenergieverbrauch bis 2015 auf 50 Prozent verdoppeln wird. Die geringen Betriebskosten vieler Kraftwerke und der teure Umstieg auf alternative Energieträger dürften die Renaissance der Kohle vorantreiben. Bereits heute deckt Kohle mehr des weltweiten Stromverbrauchs als Öl und Gas zusammen. Ihr Vorteil: Sie kommt nicht aus dem politisch instabilen Nahen Osten.

Das größte Problem bleibt jedoch die von der Kohle angerichtete Verschmutzung. Selbst die Chinesen wissen, dass sie vehementer dagegen angehen müssen. Auch Südafrika hat wegen seiner vielen Kohlekraftwerke östlich von Johannesburg dort eine der höchsten Raten von saurem Regen weltweit. Dabei muss Kohle nicht dreckig sein: Abgesehen von Filtern in den Schornsteinen garantiert moderne Technik eine sauberere und effizientere Verbrennung.

Das neu erwachte Interesse an Kohle spiegelt sich im Kurs der wenigen notierten Kohleproduzenten wider. Das amerikanische Kohleunternehmen Peabody Energy, der weltweit wichtigste Produzent, dürfte seinen Gewinn in diesem Jahr fast verdreifachen. Auch die Titel anderer Kohleförderer haben sich gut entwickelt.

Welche Unternehmen profitieren

Stark profitiert hat von dem Kohleboom auch BHP Billiton. Der Umsatz des weltweit größten Bergbauhauses kletterte im abgelaufenen Geschäftsjahr von 17,5 auf 24,9 Mrd. Dollar. Auch Xstrata hat einen kräftigen Profitanstieg verzeichnet. Das in der Schweiz ansässige und in London notierte Unternehmen stellte im April einen neuen Rekord auf, als es mit den Stahlproduzenten in Europa und Asien eine Verdreifachung des Kohlepreises aushandelte. BHP Billiton gelang vor kurzem ein ähnlicher Coup. Xstrata führte die erfolgreichen Verhandlungen auf das Schweizer Rohstoffhaus Glencore zurück, dass den Konzern berät und seine Kohle vermarktet.

Bislang hatte Xstrata seine Kohle vor allem in Südafrika gefördert, wo es aber seit zwei Jahren unter dem festen Rand leidet. Viele andere südafrikanischen Kohle-Exporteure haben deshalb inzwischen den Abbau gedrosselt und die Kosten reduziert.

Mit der Übernahme des australischen Kohleförderers MIM und des Kohlegeschäfts von Glencore hat sich der britisch-schweizerische Konzern jedoch rechtzeitig in zwei Boommärkten positioniert und damit seine Abhängigkeit von Südafrika vermindert.

Südafrika selbst exportiert hingegen fast ausschließlich Kraftwerkskohle, die wegen ihres niedrigen Schwefelgehalts auf dem Weltmarkt sehr gefragt ist. Größter einheimischer Kunde ist der Stromkonzern Eskom, der 95% der Elektrizität am Kap erzeugt.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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