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Umwelteffizienz ist finanziell messbar

EU-Projekt bewertet nachhaltige Wertschöpfung oder Wertvernichtung durch europäische Konzerne und übersetzt die Umweltleistung von Unternehmen in die Sprache von Managern und Investoren.

Novonordisk, BMW, Schering, Philips und Heidelberger Druckmaschinen haben 2003 einen „Sustainable Value“, einen ökologischen Mehrwert von einer bis rund 10 Mrd. Euro geschaffen. „Sie haben ihre Umweltressourcen wesentlich effizienter genutzt als der europäische Durchschnitt“, erläutert Tobias Hahn, Wissenschaftler beim Institut für Zukunftsforschung und Technologie (IZT) in Berlin. Die Studie wird heute in Frankfurt vorgestellt. Das IZT realisierte sie mit dem britischen ‚Sustainable Development Research Centre’ und europäischen Ratingagenturen für Nachhaltigkeit, darunter Scoris aus Hannover.

Das von der EU finanzierten Projekt bewertet erstmals Umweltleistungen von Unternehmen monetär, also in Euro. „Neu ist zudem, dass unser ‚Sustainable Value Ansatz’ der Bewertungslogik folgt, die die Finanzmärkte seit Jahrzehnten praktizieren. Er übersetzt die Umweltleistung von Unternehmen in die Sprache von Investoren und Managern“, erklärt Hahn. Innovativ ist auch, dass der ökonomische Nutzen von Umwelteffizienz bewertet wird. Bisher ermittelte die Wissenschaft stets den möglichen volkswirtschaftlichen Schaden von Umweltbelastungen.

Die Wissenschaftler bewerteten bei 65 europäischen Konzernen die Nutzung von sieben Umweltressourcen wie Wasser und Energie. Nur 29 Unternehmen setzten sie wertschaffend ein, die anderen vernichteten vielfach Milliardensummen. „Es wird sehr deutlich, welche Unternehmen mit knappen Umweltressourcen bei möglichst wenig Umweltbelastung möglichst viel Wirtschaftsleistung erzielen“, resümiert Hahn.

Benchmark ist der Durchschnittsverbrauch an Umweltressourcen in den EU15-Staaten. So erzielte Henkel 2003 mit rund 9,3 Mill. Kubikmetern Wasser eine Bruttowertschöpfung von rund 2,9 Mrd. Euro. Die EU15 hätte mit dem Wasser nur rund 380 Mill. Euro erreicht, so die Studie. Dieser Betrag stelle die Opportunitätskosten der Wassernutzung bei Henkel dar. Indem die Düsseldorfer und nicht andere Firmen das Wasser nutzten, sei ein Mehrwert von rund 2,5 Mrd. Euro entstanden.

BASF hingegen setzte seine Ressourcen nur etwa halb so effizient ein wie der Benchmark und schloss das Jahr mit minus 13,9 Mrd. Euro ab. Eine Ursache ist, dass die Chemiebranche sehr viele Rohstoffe benötigt. „Die großen Unterschiede in den Sektoren zeigen aber, dass auch in ressourcenintensiven Branchen ein erfolgreiches Umweltmanagement viel erreichen kann“, betont Hahn. So stehe BASF deutlich besser da als die deutsche Celanese AG oder Kemira aus Finnland. Größte Wertvernichter mit je mehr als 100 Mrd. Euro seien BP und Shell.

Erschreckend niedrig sei die Zahl europäischer Industrieunternehmen, die verlässliche Umweltzahlen veröffentlichen, so die Autoren. E.on, Hochtief, Linde, RWE, Siemens und Thyssen Krupp konnten mangels geeigneter, öffentlich verfügbarer Daten nicht geprüft werden.

Wissenschaftler und Unternehmen wie Schering und Robert Bosch begrüßen den Versuch, Umweltleistungen finanziell zu messen, weisen aber auch auf Grenzen hin. „Der Sustainable Value Ansatz ist auf unternehmerischer Ebene einzigartig und sehr wichtig, weil er Umweltleistungen für Finanzmärkte handhabbar macht“, urteilt Tell Münzing vom Londoner ThinkTank SustainAbility. Für Investoren sei gut zu wissen, wer mehr Nutzen bringe.

„Monetarisierung gibt aber nur einen kleinen Ausschnitt des komplexen Gesamtbildes nachhaltigen Wirtschaftens wieder“, meint Prof. Joachim Schwalbach vom Institut für Management der Berliner Humboldt-Universität. Mitarbeitermotivation, Kundenzufriedenheit oder Zuliefererstabilität seien so nicht messbar. Angebracht sei eine Mischform qualitativer und quantitativer Kriterien.

Firmen bemängeln den Benchmark. Vergleiche von Branchen „ohne geeigneten Clusterbezug hinken gewaltig“, meint Bernhard Schwager von der Robert Bosch AG. Aber auch die Finanzmärkte gingen so vor, indem sie die Kapitalrendite branchenübergreifend mit globalen oder regionalen Benchmarks wie dem MSCI World-Index verglichen, entgegnen Hahn und Münzing.

Eine Schwäche des Konzepts sei, dass die Effizienz von Vorprodukten und Produktanwendung nicht geprüft werde, sagt Münzing. So ist Flugzeughersteller Airbus Spitzenreiter, weil er die Umweltressourcen viereinhalb Mal effizienter als die EU15 einsetzt – aber der Energieverbrauch für Stahlherstellung und Flüge bleibt unbeachtet. „Die Ausweitung auf die ganze Wertschöpfungskette ist zur Zeit mangels Daten nicht möglich“, erklärt Hahn. Vorrangig sei daher die Vereinbarkeit mit der Finanzanalyse.

„Der Ansatz ist vertretbar“, urteilt Prof. Theo Dijkstra von der niederländischen SNS Asset Management. „Wenn jeder Betrieb in der Wertschöpfungskette die eigenen Opportunitätskosten und daraus umweltbezogene Managementziele bestimmt, können nachhaltigere Produkte und Prozesse erreicht werden.“ Dijkstra will das Konzept intern auf praktische Brauchbarkeit testen.

Nachhaltigkeit heißt, wirtschaftlichen Erfolg umwelt- und sozialverträglich zu erreichen. Das IZT wird daher, gefördert vom Bundesministerium für Forschung und Technologie, bei 25 deutschen Unternehmen finanziell bewerten, wie effizient sie ökologische, soziale und ökonomische Ressourcen nutzen. In Einzelfallstudien haben Projektleiter Frank Figge von der britischen Universität Leeds und IZT-Wissenschaftler Tobias Hahn den ‚Sustainable Value Ansatz’ bereits für diese breite Anwendung getestet. Sie bewerteten den französischen Lebensmittelkonzern Danone, den britischen Ölriese BP und den niederländischen Konsumgüterhersteller Unilever. Benchmarks waren die jeweiligen Volkswirtschaften.

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