Unternehmen zapfen Börse wieder an
Neue Chancen für neue Aktien

Seit mehr als zwei Jahren liegt der Markt für Aktienplatzierungen in Agonie, jetzt sendet er die ersten Signale für eine Trendwende. An nur wenigen Tagen bewegt sich in Europa inzwischen mehr als in vielen Monaten zuvor. Investmentbanker zeigen sich zuversichtlich, dass der Trend anhält. Bis in Deutschland der erste echte Börsengang ansteht, wird es allerdings wohl noch etwas dauern.

mm/pk/rob FRANKFURT/M. Am Dienstag platzierte die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit ihrer Telekom-Emission die größte Wandelanleihe aller Zeiten, heute und morgen werden die Bank Austria und der britische Telefonauskunftsdienst Yell ihre milliardenschweren Börsengänge abschließen. Die österreichische Tochter der Hypo-Vereinsbank nimmt mit ihrer Platzierung 1,1 Mrd. Euro ein. Bei Yell rechnen Marktteilnehmer mit mindestens der gleichen Summe. Damit sammeln allein diese beiden Kandidaten mehr ein, als der europäische Markt für Börsengänge im ersten Halbjahr insgesamt hergegeben hat. Das gesamte Geschäft mit Aktienemissionen einschließlich Wandelanleihen und Zweitplatzierungen war in den ersten sechs Monaten 2003 noch einmal um 46 % auf knapp 40 Mrd. Dollar eingebrochen. Gab es im Boomjahr 2000 europaweit noch 622 Börsengänge, so waren es 2003 bislang nur 25.

„Mit Bank Austria und Yell wird der europäische Neuemissionskalender wieder eröffnet“, zeigt sich Christoph Stanger von Goldman Sachs optimistisch. „Wir beobachten, dass die Bereitschaft der Unternehmen wieder größer geworden ist, an den Kapitalmarkt heranzutreten und neue Mittel aufzunehmen.“ Allerdings handle es sich noch um ein zartes Pflänzchen, dessen Wachstumschancen stark von der Entwicklung an den Kapitalmärkten abhänge. Entscheidend sei, wie sich die Börse im Herbst entwickle und ob sich die Wirtschaft erhole.

„Die Häufigkeit von Börsengängen wird in den nächsten zwölf Monaten stark zunehmen“, sagt auch Dietrich Becker von der US-Bank Morgan Stanley. Auf der einen Seite seien die Investoren auf der Suche nach höheren Renditen, und die fänden sie angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase nur am Aktienmarkt. Auf der anderen Seite denke derzeit eine ganze Reihe von Unternehmen über die Abspaltung von Randaktivitäten nach. Börsengänge seien dabei eine echte Alternative. Auch für die großen Finanzinvestoren werde der Ausstieg aus Beteiligungen über die Börse angesichts der Stabilisierung an den Märkten wieder interessant.

Rudolf Kinsky aus der Geschäftsleitung von 3i Deutschland bestätigt, dass die Beteiligungsgesellschaften „anfangen, über Börsengänge nachzudenken“. Mittelgroße Unternehmen aus etablierten Industrien könnten möglicherweise noch in diesem Jahr eine Platzierung wagen, schätzt Holger Frommann, Geschäftsführer beim Bundesverband deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK). Thomas Krenz, Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaft Permira, sieht in diesem Jahr dagegen noch keine durchgreifende Belebung. Allerdings könnte sich seiner Meinung nach ab Mitte nächsten Jahres – ausgehend von Großbritannien – das Fenster für Börsengänge auch in Deutschland wieder weiter öffnen.

Im ersten Halbjahr 2003 gab es am heimischen Markt keinen einzigen echten Börsengang. Allerdings sorgte eine ganze Reihe von großen Zweitplatzierungen, Kapitalerhöhungen und Wandelanleihen für eine erste Belebung im Aktiengeschäft. Glaubt man Christoph Stanger von Goldman Sachs, dann wird sich dieser Trend auch in den kommenden Monaten fortsetzen: „In Deutschland wird der Schwerpunkt weiter auf Kapitalerhöhungen und nicht bei der Neuemission von Aktien liegen.“

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