Unternehmensgewinne steigen schneller als die Kurse
Strategen halten Aktien in den USA und Europa für günstig

Trotz explodierender Energiepreise, Hurrikanschäden und drohender Abkühlung der US-Volkswirtschaft rechnen die Analysten der Investmentbanken mit hohen Gewinnen europäischer und amerikanischer Unternehmen im dritten Quartal.

NEW YORK/DÜSSELDORF. Für die 500 größten Unternehmen in den USA, wo am Montag die Berichtssaison mit dem weltgrößten Aluminiumhersteller Alcoa beginnt, und die 50 größten europäischen Firmen haben die Experten ihre ohnehin hohen Gewinnerwartungen in den vergangenen Wochen noch einmal heraufgesetzt. Die 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland erwarten einen Ergebniszuwachs um rund 25 Prozent nach jeweils 22 Prozent in den vorangegangenen Quartalen.

Alcoa warnte im Vorfeld, dass der Gewinn in den drei Monaten von Juli bis September um bis zu 40 Prozent unter den Erwartungen des Marktes liegen könnte. Grund: fallende Aluminiumpreise und steigende Energiekosten. Gegenüber dem Vorjahr sind die Ölpreise trotz des jüngsten Rückgangs um gut ein Drittel gestiegen. Das teure Öl erhöht für viele Unternehmen die Produktionskosten und schwächt zugleich den Konsum, weil die Verbraucher mehr Geld für Benzin und Heizkosten ausgeben müssen. Für weitere Hiobsbotschaften sorgten die Wirbelstürme „Katrina“ und „Rita“. Eine Reihe von Analysten reduzierte deshalb die Prognosen für Versicherer wie ACE, XL Capital und Allstate.

Dennoch weist der Gesamttrend in den USA und in Europa nach oben mit zuletzt steigender Tendenz: Der Finanzdatendienst Thomson Financial erwartet, dass die Ergebnisse der Unternehmen im Aktienindex S&P 500 von Juli bis September um 17,8 Prozent gestiegen sind. Das liegt über den Prognosen zu Beginn des Quartals von 15,1 Prozent. Da die Aktienkurse gleichzeitig seit Jahresbeginn nur auf der Stelle treten, reduziert sich – gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) – die Bewertung von US-Papieren. Derzeit entsprechen die Aktienkurse durchschnittlich dem 15-fachen des Jahresgewinns der Unternehmen. Das entspricht etwa dem historischen Durchschnitt. In den vergangenen zehn Jahren waren Aktien aber stets teurer.

Nach den Rekordgewinnen 2004 rechnen Experten im laufenden Gesamtjahr bei den US-Unternehmen mit einem Plus von zwölf Prozent. Henry McVey, Aktienstratege der Investmentbank Morgan Stanley, schätzt, dass der US-Leitindex S&P 500 während der Ergebnissaison im Oktober zulegen wird. Citigroup-Stratege Tobias Levkovich sieht auch darüber hinaus gute Perspektiven und erwartet den S&P 500 Ende 2006 bei 1 400 Punkten. Das wäre gegenüber dem jetzigen Stand ein Plus von 15 Prozent.

Für einen großen Teil der Gewinndynamik in den USA sind nach wie vor die Energieunternehmen verantwortlich. „Sie profitieren von der Öl- und Benzinpreisexplosion“, sagt Analyst John Butters von Thomson Financial. Der Finanzdienst rechnet für die US-Energiebranche mit einem Gewinnplus um 72 Prozent. Rechnet man die Energieunternehmen aus dem S&P 500 heraus, läge das erwartete Gewinnwachstum im Schnitt bei lediglich zwölf Prozent.

Auch in Europa steigen die Firmengewinne weiter kräftig an. Berechnungen des Finanzdatenspezialisten JCF zufolge werden die Erträge aufs Jahr gerechnet europaweit 19 Prozent höher ausfallen als 2004. Und trotz eines zweistelligen Anstiegs der Kurse seit Jahresanfang sind die Aussichten für europäische Aktien weiter rosig, da die Unternehmensgewinne noch schneller wachsen, so dass sich die Aktienbewertung weiter verringert. „Die Unternehmen ernten jetzt die Früchte für ihre harte Restrukturierung. Sie profitieren vom Gang ins Ausland und erfolgreichen Kostensenkungen“, sagt Carsten Klude von M.M. Warburg. 2006 wird sich das Wachstum in Europa und den USA zwar abschwächen, aber noch über dem langfristigen Durchschnitt liegen.

Positiv kommt gegenüber den USA hinzu, dass das KGV europäischer Titel mehr als zehn Prozent unter dem historischen Durchschnitt liegt. Anders als in den USA gab es in Deutschland im Vorfeld der Berichtssaison keine Gewinnwarnung. „Wir erlebten in den vergangenen Wochen in fast allen Branchen positive Gewinnrevisionen“, sagt Klude. Einzig im Handels- und Telekommunikationssektor tendierten die Schätzungen zuletzt etwas nach unten. Deutlich stärker wird hingegen die Automobilbranche abschneiden, der JCF ein Gewinnplus von 24 Plus vorhersagt. Europaweit wird der Sektor nur von der Öl- und Gasbranche in den Schatten gestellt, die um 44 Prozent wachsen soll.

Im nächsten Jahr wird sich das kräftige Gewinnwachstum nach JCF-Berechnungen auf 14 Prozent für Dax-Unternehmen und sieben Prozent für Stoxx-Firmen in Europa deutlich abschwächen. Doch an den Börsen droht Experten zufolge wegen der niedrigen Aktienbewertung kaum Gefahr. Grund zur Sorge liefert hingegen der laufende Gewinnzyklus der Firmen. „Schon jetzt steigen Umsätze und Gewinne 23 Monate hintereinander“, warnt Christian Kahler von der DZ Bank. Üblicherweise endet eine solche Phase seinen Berechnungen zufolge nach 33 bis 35 Monaten. Das wäre im Herbst 2006.

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