US-Zinswende und die Börse
„Unnötig wie ein Kropf“

Unklarheiten mögen Börsianer nicht, Verwirrung schon gar nicht. Doch die US-Notenbank stiftet Unruhe: Kommt die Zinserhöhung nächste Woche oder nicht? Was Beobachter erwarten, je nachdem wie die Antwort ausfällt.

DüsseldorfSo mancher Börsianer wünscht sich in diesen Tagen wohl eine Glaskugel oder möchte doch zumindest Mäuschen spielen, wenn die Chefin der amerikanischen Notenbank Fed, Janet Yellen, sich mit den Gouverneuren der regionalen Notenbanken austauscht. Doch kein (klärendes) Wort dringt nach Außen, stattdessen: Unklarheit, Spekulationen, Verwirrung.

Kaum ein Thema bewegt die Märkte aktuell mehr als die erwartete Zinswende in den USA, abgesehen von den Sorgen um die chinesische Konjunktur. Wenige Tage vor der seit Jahren wichtigsten Entscheidung der amerikanischen Notenbank blicken Börsianer nach Washington und warten auf ein Signal. Doch es kommt keins. Kein Wunder, dass die New Yorker Börse in ihren Einschätzungen tief gespalten ist. Das gilt nicht nur für die Frage, ob die Währungshüter von ihrer seit sieben Jahren durchgehaltenen Nullzinspolitik abweichen, und vor allem wann. Auch die Folgen einer möglichen Zinserhöhung schätzen die Investoren völlig unterschiedlich ein.

Hedgefonds-Titan Ray Dalio sieht die Zinserhöhung als „historischen Fehler“ angesichts einer anfälligen Weltwirtschaft und erwartet, dass die Federal Reserve das Ruder schon bald abrupt herumreißen und wieder Geld drucken wird. Mit dieser Einschätzung ist er an der Wall Street nicht alleine. Auch hierzulande gibt es deutliche Kritik an der Politik der Fed. „Die US-Leitzinswende ist so unnötig wie ein Kropf“, schreibt beispielsweise Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank in seinem wöchentlichen Kapitalmarktmonitor. „Volkswirtschaftlich sind die Argumente für Zinserhöhungen in den USA rar gesät.“ Neben einem ohnehin schwächeren weltkonjunkturellen Umfeld leide Amerika zusätzlich unter dem starken, exportschädlichen US-Dollar.

Unklar ist ja auch, wie stark und wie oft die Fed an der Zinsschraube dreht. Christina Böck, Anlagestrategin bei Axa Investment Managers, glaubt, dass die Zentralbanken in den wichtigsten Regionen auch in der näheren Zukunft keine Eile haben, ihre expansive Politik zu ändern. Die Fed werde darum erst im Dezember eine erste Zinserhöhung vornehmen, so Böck, und die Wertpapierkäufe der EZB werden noch für weitere zwölf Monate Liquidität in die Märkte bringen.

Doch es gibt durchaus Experten, die sich für eine Zinswende aussprechen. Citigroup-Volkswirt William Lee beispielsweise ist der Auffassung, dass die Wirtschaft sieben Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise stark genug ist und höhere Zinsen vertragen kann. Eine Anhebung nächste Woche wäre der erste Schritt in einer Reihe von mehreren Zinserhöhungen im Laufe des nächsten Jahres.

Zwei Meinungen, zwei Lager und ungewöhnlich große Unsicherheit an der Börse. Scotiabank-Stratege Guy Haselmann hat, wie er sagt, in knapp drei Jahrzehnten an der Wall Street noch nie eine solche Verwirrung erlebt. Einen großen Teil davon führt er auf die unterschiedlichen Signale aus, die die Fed vor einiger Zeit ausgesandt hat. Während an einem Tag ein Fed-Vertreter die Vorteile einer späteren Zinserhöhung anpries, kam am nächsten Tag ein anderer Vertreter der Notenbank und forderte sofortiges Handeln. Kurz vor der alles entscheidenden Sitzung herrscht Ruhe, was die Verwirrung auch nicht mildert.

Die extremen Unterschiede bei der Einschätzung der Situation durch die Experten zeigt auch, wie viel auf dem Spiel steht. Wenn die amerikanischen Notenbanker mit ihrer Entscheidung falsch liegen, könnten sie die Konjunktur abwürgen und auch ihrer eigenen Glaubwürdigkeit großen Schaden zufügen.

Die Fed will ihre Entscheidung am 17. September nach einer zweitägigen Sitzung bekanntgeben. Bei Handelsschluss am Donnerstag sahen Futures-Händler eine Wahrscheinlichkeit von 28 Prozent für eine Anhebung um einen viertel Prozentpunkt auf eine Spanne von 0,25 Prozent bis 0,50 Prozent. Analysten sind sich etwas sicherer, dass die Fed die Zinsschraube anziehen wird. In einer Bloomberg-Umfrage unter 81 Analysten rechnete etwa die Hälfte der Befragten mit einer Zinsanhebung. Die andere glaubt es nicht.

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Was der Markt daraus macht, ist nicht klar

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