Verluste vermeiden, Gewinne ignorieren
Warum wir das Sparbuch jeder Rendite vorziehen

Die Hyperinflation der 1920er Jahre hat sich ebenso tief in die Anlagepsyche der Deutschen gegraben wie die Lehman-Pleite. Vom Aktienboom wollen sie nicht profitieren. Finanzieller Wahnsinn? Nein, eher Aufgeklärtheit.
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DüsseldorfJo Lendle, der Hanser-Verleger, hat einmal in der WirtschaftsWoche bekannt, dass er zu Aufbau und zur Pflege seines Privatvermögens ein ironisch-distanziertes Verhältnis hat. Auf die Frage „Aktien oder Gold?“ erwiderte er mit sanfter Koketterie: „Müder Blick meines Bankberaters: Anlegen ist nicht so Ihr Ding, oder?“ Das ist herrlich gekontert und trefflich ausgedrückt. Denn es führt weg von den Kategorien „Risikoscheu“, „Verlustaversion“ und „Finanz-Analphabetismus“, mit denen Ökonomen, Unternehmer und Banker die Deutschen seit Jahren traktieren, auch weg von den küchenpsychologischen Befunden der Vulgärliberalen, in Deutschland gediehen „Reichtumsneid“ und „antikapitalistische Reflexe“ besonders gut.

„Anlegen ist nicht so Ihr Ding“ – das ist eine profane Alltagsbeobachtung und zugleich eine Tiefenbohrung in die Kollektivseele: Die meisten Deutschen finden den Erwerb und die Vermehrung von Geld, überhaupt alles, was nach Finanzwelt riecht, nicht wirklich spannend. Mehr noch: Gelddinge sind ihnen so lästig wie eine Stubenfliege. Sie sortieren den Finanzteil der Zeitung als Erstes aus, reichen die Steuererklärung an ihren Steuerberater weiter, wechseln weder Krankenkasse noch Stromanbieter, überfliegen widerwillig ihre Kontoauszüge und entsorgen die monatlich ins Haus flatternden Anlagetipps der Sparkasse mit den Werbeprospekten. Vier von zehn Deutschen halten Geldanlage für ein notwendiges Übel, so eine Studie der großen deutschen Direktbanken. Aber warum?

Nicht, dass die Deutschen Wohlstand und Prosperität verachten würden. Im Gegenteil, sie wissen sehr genau, dass materielle Sicherheit und stabile Finanzen die Grundbedingungen für die Kultivierung eines guten, schönen Lebens sind. Eben drum kalkulieren sie mit dem, was sie haben, statt auf das zu spekulieren, was sie haben könnten.

Der Deutsche lebt gern im Indikativ. Er will lieber keine Überraschungen erleben, als zwei gute und eine böse. Er freut sich auf die nächste Gehaltsüberweisung. Sie beschert ihm, Monat für Monat, das unendliche Glück, Wochenende für Wochenende mit seinen Kindern im Schlosspark spazieren gehen, auf dem Markt einkaufen oder im Manufactum-Katalog blättern zu können – das unendliche Glück, sich in seiner Freizeit nicht mit fallenden Ölpreisen und Deflationsängsten belasten, sein Privatleben nicht mit Stop-Loss-Ordern und Schulter-Kopf-Schulter-Formationen behelligen zu müssen.

Es ist den Deutschen so unverständlich wie egal, dass Finanzverwalter, Spekulanten (und Börsenjournalisten) ihr ausgeprägtes Desinteresse wie eine narzisstische Kränkung empfinden: Aber der Dax-Index hat seinen Wert seit dem jüngsten Tief vor sechs Jahren verdreifacht! Die Unternehmen schütten reiche Dividenden aus! Warum aber ist hierzulande nur jeder neunte Arbeitnehmer im Besitz von Unternehmensanteilen, während es in Schweden, Großbritannien und den USA jeder dritte oder vierte ist? Hätten die Deutschen von 2001 an nur jeden vierten Spar-Euro in Aktien investiert, hätten sie zwei Jahre lang ihre Benzinrechnung bezahlen können! Und?

Kommentare zu " Verluste vermeiden, Gewinne ignorieren: Warum wir das Sparbuch jeder Rendite vorziehen"

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  • @ G. Nampf

    Hat der wann gesagt?
    Und was wäre Ihre Meinung?

  • @ Christoph Weise

    "..., die von keinem Geringeren als Gabor Steingart herausgegeben wird - einem der Wenigen, welche die wirtschaftlichen Zusammenhänge (von solchen platten Wahrheiten einmal ganz abgesehen) wirklich verstehen"

    G.Steingart: "Wir kaufen griechische Staatsanleihen"

  • Geld ist Geld und Rendite ist Ertrag. Entweder aus einer direkten Beteiligung (Aktie) oder aus einer vermittelten Beteiligung (Investanlage) oder eben aus Spekulation.
    Nehmen wir nur die Aktie. Dem Kleinanleger verbleibt ernsthaft nur als Einflussnahme der Verkauf. Auf zugewiesene Dividendenhöhe und den Geschäftsgang hat er keinen Einfluss. Dazu kommen dann noch Depot und Handlungsrahmenbedingungen der Depotbank, Sammelverwahrung inklusive. Das alles ist eine sehr passive und vermittelte "Beteiligung". Es geht nicht um Ziele, Zwecke, Methoden oder Wirtschaftlichkeit, nicht um Ethos oder Moral, Es geht ganz allein um Geldvermehrung, ohne Leistung, ohne Arbeit.
    Da hat der Widerwille auch sypathische Komponenten, oder?
    Zins wird ja gemeinhin als Entgelt für die Zeitdauer des Konsumverzichts gesehen. Scheint "ehrlicher" zu sein.
    Natürlich ist das alles nicht sonderlich kluges Verhalten, aber die Wege zu einer direkten Beteiligung, zu eigener Mitverantwortung sind eben sehr lang. Und zusätzlich treffen die Willigen eben selten auf kenntnisreiche Berater, immer aber auf sehr engagierte Verkäufer. Und der Verdacht, etwas angedreht zu bekommen, wird durch den zunehmenden Formularberg noch verstärkt. Die Erklärungspflichten gleichen einer Selbstentmündigung.
    Und dann gibt es da immer auch die Berichte von den "Cleveren", die alles verloren haben...
    Der "Normalo" weiss in seinem Herzen, das er auch nicht das Cleverle ist, keine Ahnung hat und bleibt lieber gleich fern. Zum Zocken kauft er sich eine Lotterielos oder geht auf die Rennbahn. Verluste schon kalkuliert und begrenzt.
    Wenn Großanleger ihre Investments an den Volksaktionär verkaufen wollen... dann, dann hat das seine Gründe. Vermutlich besorgte Großherzigkeit.

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