Viele Dax-Titel notieren weiter unter Buchwert
Deutsche Aktien sind wieder gefragt

In- und ausländische Investmenthäuser spekulieren darauf, dass die angekündigten Reformen Wirklichkeit werden könnten.

DÜSSELDORF. Wenn heute die Bundesanstalt aus Nürnberg die neuen Arbeitslosenzahlen veröffentlicht, werden die Aktienkurse zumindest deshalb nicht einbrechen. Grund dazu hätten sie eigentlich, denn Schätzungen zufolge sind in Deutschland 4,3 Millionen Menschen arbeitslos, und im Winter dürften die Statistiker bis zu fünf Millionen Arbeitslose registrieren. Doch Investoren haben sich an das Desaster längst gewöhnt, das ausländische Investmenthäuser als „German Disease“, deutsche Krankheit, bezeichnen. Gemeint sind neben der Arbeitslosigkeit die enorme Staatsverschuldung, die hohen Lohnnebenkosten und vor allem die mangelnde Reformbereitschaft. „Der Markt glaubt Schröder erst, wenn er (der Markt) die Reformen erlebt“, sagte unlängst Merrill-Stratege Ian Stewart.

Umso bemerkenswerter sind neue Studien von Goldman Sachs und Merrill Lynch. Beide Finanzhäuser stehen nicht im Verdacht, den Finanzplatz Deutschland zu mögen. Zwar rechnen Goldman und Merrill wie bisher schonungslos mit der deutschen Politik ab, ziehen daraus aber für Investoren differenziertere Schlüsse als bisher. Dass 90 % der SPD-Delegierten für reduzierte Arbeitslosenunterstützung votierten und anschließend die machtvolle IG Metall den ersten Streik seit 1954 verlor, werten die Goldman-Experten Thomas Stolper und Jens Nordvig als Beleg, dass Deutschland langsam seine ablehnende Haltung gegenüber Strukturreformen überwindet. Dazu gehörten die Agenda 2010 von Bundeskanzler Gerhard Schröder, Kürzungen bei der Arbeitslosenhilfe und eine umfassende Steuerreform. Die Autoren rechnen mit einem Anstieg der Konsumausgaben. „Was jetzt noch fehlt, ist der Funke“, resümieren Stolper und Nordvig.

Auch Merrill rät Investoren, sich den deutschen Markt künftig genauer anzuschauen. Die fast ausweglose Situation und Parallelen zur japanischen Rezession zwinge deutsche Politiker regelrecht zu Umstrukturierungen. Zum Kauf deutscher Aktien will Merrill indes erst raten, wenn die diskutierten Reformen tatsächlich Realität werden.

Deutsche Experten wollen nicht ganz so lange warten. „Noch traut die Börse dem Reformeifer nicht. Sobald sich aber der Eindruck festigt, dass die Politik tatsächlich Reformen angeht, wird sich die Börse nach oben bewegen“, ist sich der Münchener Vermögensverwalter Jens Erhardt sicher. Der Reformdruck steigt – „allein schon, weil das Ausland Reformen fordert“, meint Erhardt. So „spannende Börsenzeiten“ wie jetzt hat der seit Jahrzehnten im Investmentgeschäft tätige Experte noch nicht erlebt.

Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin sieht mit der Streikniederlage der IG Metall („ein echter Knüller“) und der geplanten Steuerreform („die CDU knickt ein und blockiert nicht mehr“) Bewegung in Deutschlands Reformdebatte. „Die Regierung hat jetzt die tolle Chance zum nachhaltigen Subventionsabbau, weil sie gleichzeitig Entlastungen anbieten kann“, sieht Traud weiteren Reformbedarf. Davon hat Deutschland verglichen mit anderen Ländern viel. „Aus dieser Perspektive hat die deutsche Volkswirtschaft ihr reformbedingtes Verbesserungspotenzial noch vor sich“, schreiben die Experten von M.M. Warburg. Zwar sei der US-Aktienmarkt stärker dereguliert, und die Wachstumszahlen fielen dort ständig höher aus. „Aber genau diese Sachverhalte sind in den jetzigen Indexständen schon längst eingepreist“, meint M.M. Warburg.

Der Dax hat nach Meinung der Experten mögliche Auswirkungen der Reformdiskussionen noch nicht eingearbeitet. Die gute Kursentwicklung in den vergangenen Wochen erklären sie vielmehr mit der Zusammensetzung des Börsenbarometers (viele Technologie- und Finanztitel) und den übermäßigen Verlusten im vorangegangenen Abschwung. Trotz eines Kurszuwachses von gut 50 % in den letzten vier Monaten notieren Dax-Titel immer noch mit rund 20 prozentigem Discount gegenüber ihrem Buchwert. Die Unternehmen sind also an der Börse weniger wert, als sie an Eigenkapital ausweisen.

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