"Vorsicht ist geboten": Anleger können Gewinne kaum vergleichen

"Vorsicht ist geboten"
Anleger können Gewinne kaum vergleichen

Vor der Pflicht-Umstellung im Jahr 2005 bilanzieren die Konzerne nach unterschiedlichen Rechnungslegungs-Standards.

DÜSSELDORF. Für Investoren werden die kommenden Wochen zu einer echten Herausforderung: Wenn die börsennotierten Konzerne ihre Zahlen vorlegen, dann sind Gewinne und Bilanzposten nur noch bedingt vergleichbar. Die im Dax, TecDax und MDax vertretenen Unternehmen ermitteln nämlich derzeit ihre Zahlen noch nach drei unterschiedlichen Bilanzierungsmethoden: Teilweise noch nach den alten Regeln des HGB, zum Teil schon nach den ab 2005 verbindlich vorgeschriebenen europäischen Standards IFRS oder nach den US-Vorschriften US-Gaap.

„Beim Unternehmensvergleich ist derzeit allergrößte Vorsicht geboten“, sagt der auf Rechnungslegung spezialisierte Prof. Bernhard Pellens von der Universität Bochum. So legt im Dax eine Reihe von Konzernen Zahlen nach den US-Vorschriften Gaap vor. Es sind Namen wie Daimler-Chrysler, Deutsche Bank, Deutsche Telekom oder Siemens, die auch in den USA börsennotiert sind. Der Rest hat bereits auf die neuen internationalen Standards IFRS umgestellt. Im MDax und TecDax ist das Durcheinander für die Anleger noch größer: Neben den beiden großen internationalen Standards verwendete bisher noch etwa ein Drittel der dort vertretenen Unternehmen die traditionellen Standards des HGB. Dazu gehörten zuletzt Namen wie Beru, Douglas, Fielmann, IKB, MLP, Norddeutsche Affinerie und Pro Sieben.

Während die Unterschiede zwischen dem HGB und den neuen Standards IFRS erheblich sein können, sind Finanzdaten nach neuen europäischen Standards mit den US-Vorschriften für Investoren eher vergleichbar, sagen Experten. Gewichtige Differenzen zwischen Gaap und IRFS können sich allerdings ergeben, wenn Konzerne in den vergangenen Jahren viel dazugekauft haben. Nach US-Gaap muss der Geschäftswert dieser Zukäufe (Goodwill) nicht mehr abgeschrieben werden, solange der Kaufpreis realistisch gewesen ist. Nach IRFS dagegen wird der Goodwill über 20 Jahre abgeschrieben.

Der im Dax notierte Energieversorger RWE etwa, der nach IRFS bilanziert, hat in den vergangenen Jahren Firmen im Wert von 20 Mrd. Euro dazugekauft. Das schlägt mit Abschreibungen von 1 Mrd. Euro pro Jahr zu Buche. Beim nach Gaap bilanzierenden Konkurrenten Eon dagegen bleibt der Geschäftswert der Zukäufe in Höhe von 14,5 Mrd. Euro unvermindert in den Büchern. Damit bleiben Eon Abschreibungen im Höhe von 700 Mill. Euro jährlich erspart, der Gewinn fällt entsprechend höher aus. „Solche Dinge behalten wir bei der Präsentation der Zahlen im Hinterkopf“, sagt Wertpapieranalyst Stephan Wulf von Sal. Oppenheim. Für Laien bleibt jedoch die Optik verfälscht.

Noch schwer wiegender sind die Unterschiede zwischen HGB und IRFS. Während das alte HGB größere Spielräume bei der Bildung von Rückstellungen und stillen Reserven erlaubt, verlangen die internationalen Standards Gaap und IRFS eine zeitnähere Offenlegung und eine marktgerechtere Bewertung der Aktiv- und Passivposten.

Das kann gerade bei Finanzkonzernen zu gravierenden Unterschieden führen. Sie müssen nach IRFS ihre Wertpapierbestände zum aktuellen Marktwert ausweisen. Diese Regelung nach IAS 39 führt beispielsweise dazu, dass die Commerzbank ihre Zinsswaps zur Absicherung von Krediten zuletzt als Negativposten von 1,3 Mrd. Euro ausweisen musste. Dieser Effekt sei auf die gesunkenen Zinsen zurückzuführen, erläutert der Konzern, und habe rein gar nichts mit Misswirtschaft zu tun. Dem Posten stehe nämlich eine Aufwertung des Kreditbestands gegenüber. Doch dies sei der Öffentlichkeit nur schwer zu vermitteln. Was bleibt, ist eine optische Verschlechterung der Kapitalstruktur.

Eine verringerte Eigenkapitalquote musste auch die Lufthansa hinnehmen. Im Jahr der Umstellung, 2001, musste sie geleaste Flugzeuge als Vermögensposten mit Fremdkapitalcharakter in Höhe von 600 Mill. Euro ausweisen. Nach HGB mussten geleaste Gegenstände nicht in der Bilanz berücksichtigt werden.

Gewinnmindernd wirkt bei den internationalen Standards regelmäßig die realistischere Bewertung der Pensionsverpflichtungen. Der Eon-Konzern etwa hatte bei seiner Umstellung 750 Mill. Euro zu wenig im Topf. Jetzt muss er für die Renten der Mitarbeiter deutlich mehr Rückstellungen bilden, als nach den Regeln des HGB vorgeschrieben war.

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